Schluss mit lustig und pflegeleicht

„Wie geht es Dir?“

„Ganz gut. Naja, mal so, mal so – aber alles in Allem läuft‘s gut. Und wie geht‘s Dir, ich hoffe auch gut!“

So sieht ein üblicher Begrüßungs-Dialog bei mir aus. Wenn man mich fragt, mir geht’s immer gut!

Mir geht es aber gar nicht gut. Stimmt einfach nicht. Aber was soll ich meine Mitmenschen damit behelligen, dass ich einen so krassen Umbruch in meinem Leben mit so einer Krankheit habe. Und ist das nicht sowieso völlig übertrieben von mir? „Meine Güte“, sag ich zu mir selbst, „stell Dich jetzt mal nicht so an! Anderen geht’s viel schlechter!“

Stark sein, groß sein, alles schaffen, keine Schwäche! — so war ich doch immer, warum denn jetzt nicht mehr!?

Sogar meine Psychotherapeutin verschone ich (ja, ich habe eine; der Hang zur Depression ist bei MS gleich inklusive, drum lieber schonmal vorsorgen). Ist das nicht absurd? Ich meine, um alles besser zu verarbeiten und zu akzeptieren, bekomme ich ärztliche Hilfe. Und selbst da halte ich mich zurück und sage mir, „geh’ mal Deiner Therapeutin nicht zu sehr auf’n Sack, die hat ja auch noch andere Patienten!“ 

Da kann man doch nur noch schmunzeln, oder? *kopfschüttel*

Warum schreibe ich hier so einen negativen(??) Kram? Nicht um schlechte Stimmung zu verbreiten. Auch nicht um rum zu heulen und in Selbstmitleid zu zerfließen. Naja, die Frage könnte ja auch lauten, „warum schreibe ich überhaupt in einen Blog?“ Mit wem möchte ich es teilen? Wer das hier liest, kennt mich persönlich ja vielleicht – sogar mit großer Wahrscheinlichkeit – überhaupt nicht. Aber es macht wohl etwas mit einem. Wenn man sich einfach etwas von der Seele schreibt, die Gedanken runtertippt, und das Geschriebene nicht unter Verschluss bleibt (so wie etwa in einem Tagebuch). Zumindest macht es etwas mit mir. Und bis hier her, tut es mir gut. Wenn es Dir nicht gut tut, sag mir ruhig bescheid ;) — dann nämlich hätte ich mein Ziel verfehlt.

In einem Absatz zusammengefasst geht es mir aber so:

Auf den Punkt gebracht: Es geht mir schlecht.

Ich bin schon seit langer Zeit in meiner AU, das Geschäft in der Firma läuft auf Hochtouren, aber ich bin nicht dabei, die Rentenkasse hat sich bereits gemeldet und prüft meinen Rentenanspruch wegen Erwerbsunfähigkeit (ich?? erwerbsunfähig?? wtf!?!), ich habe Angst vor der Zukunft, sowohl finanziell als auch familiär, meine Leute melden sich so gut wie gar nicht mehr, ich trage seit ein paar Wochen einen Gehstock, ohne den geht gar nichts mehr, einen Rollstuhl habe ich bereits bestellt, ich bin immer müde und ohne Kraft. Oft finde ich das Leben nur noch anstrengend.

Wenn ich sowas meinen „Leuten“ erzähle – dann sind die weg. Die schalten ab und kommen nicht wieder. 

Aber was soll das denn dann noch? Mit denen. Brauch ich nicht, braucht kein Mensch. Stattdessen aber, mach ich mir Gedanken darüber, wie ich ihnen helfen kann und was ich für sie tun kann – die haben doch selbst so viel im Kopf und haben selber ihre schwierigen Themen.

Naja, dass ihr letztes Blind-Date scheiße gelaufen ist und der letzte Sommerurlaub echt blöde organisiert war von der Reisegesellschaft und so gar nicht erholsam war; und „sowieso viel zu teuer!“

Das sind doch auch schwierige Themen, oder? Ich meine, für sie ist das halt so. Sie empfinden eben so, das sind eben auch Probleme. 

Hm….

Ich hab‘ mir jetzt mal überlegt, ich mach‘ jetzt mal „Schluss mit lustig und pflegeleicht“. Ich schütze und bewahre niemanden mehr vor meinen Problemen und Empfindungen. Und meine Leute schon gar nicht mehr. Und wer das nicht erträgt, der geht halt bitte. Da ist der Ausgang, ich habe keine Lust mehr auf das „alles-ok-bei-mir“-Spielchen. Denn: nichts ist ok.

Ist das zynisch? So wollte ich nie werden. Aber vielleicht ist das auch einfach nur ehrlich. Blöd ist nur: Ehrlichkeit kann zu Einsamkeit führen. 

Ach, und wenn schon.

5 Kommentare zu „Schluss mit lustig und pflegeleicht

  1. Nein! Das ist genau richtig! Wenn man von dir hört, dass es dir gut geht und dann so etwas liest fühlt man sich selber sehr blöd und unsensibel weil man nichts gemerkt hat ( oder zumindest bin ich dieser Ansich, vielleicht geht das ja anderen nicht so). Natürlich hat jeder seine eigenen Probleme , aber dein Leute sind auch für dich da! Oder zumindest wenn es wirklich deine Leute sind. Eine Beziehung basiert auf gegenseitigem Vertrauen und Unterstützung.
    Es hängt natürlich manchmal auch von den Personen ab, manche kommen nicht von alleine aber wenn sie wissen du brauchst sie sind sie da. …was wollte ich sagen? …ach ja! Mein Punkt ist, wenn du wirklich zu den Leuten gehst und dich ihnen offenbarst, sie sich aber dann abwenden . Ja dann sind das nicht Deine Leute.

    Gefällt 1 Person

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