Liebes Immunsystem — Liebe Medizin — Liebes Leben

Also, gut. Ich habe eine Krankheit, sie sagen, sie sei unheilbar. 

Sie sagen, es sei eine Autoimmunkrankheit.

Das bedeute, dass mein Immunsystem meinen eigenen Körper, den es eigentlich vor feindseligen, krankmachenden, ja lebensbedrohlichen Eindringlingen beschützen will, angreift und zerstört.

Autoaggressiv sei mein Immunsystem. Meine Immunzellen zerfressen meine Nervenbahnen, wobei sie ja eigentlich durch unsere Evolution gelernt haben, dass sie fremde Viren, Bakterien und solcherlei Krankheitserreger unschädlich machen.

Warum sie meine Nervenzellen zerfressen und zerstören? Das wissen wir gar nicht so genau, vielleicht wissen wir das sogar überhaupt nicht. Das ist eine Frage, die unsere hochtechnologische Medizin, trotz aller Fortschritte in der Forschung, noch immer nicht beantworten kann. 

Autoaggressiv. Aggressiv (aus lat. aggressio = Angriff) gegen sich selbst (aus griech. autós = selbst). Ich? Mein Immunsystem? Greift mich selbst an? Was soll das?

Ich mag mich eigentlich – meistens zumindest; na gut, längst nicht immer und in jeder Situation, aber oft – immerhin. Und mein Immunsystem ist doch mein Freund, mein Partner gegen Feinde meines Körpers. Es ist ein über Jahrmillionen hochentwickeltes System voller faszinierender Präzision und genialer Lernfähigkeit. Seine Aufgabe ist: mich zu beschützen und die Gesundheit meines Körpers zu wahren. 

Doch irgendwie hat es einmal etwas falsch gelernt, falsch verstanden. Mein Immunsystem, mein Freund und Partner. Ich weiß nicht, an welcher Stelle das schief gelaufen ist oder wann das gewesen ist.

Liebes Immunsystem, bitte halte mich gesund.

Die vielen Wissenschaftler, die das alles Tag für Tag im Labor erforschen, wissen es im Grunde ähnlich wenig. So dumm bin ich also gar nicht. 

So. Und jetzt kommt die Logik der Medizin – oder sagen wir doch gleich, die Logik unserer Gesellschaft. Mein Immunsystem tickt nicht ganz richtig, es tut etwas, was gegen unsere Erwartungen an ein  einwandfrei funktionierendes Immunsystem verstößt. Was tun wir daraufhin? Wir zerlegen es in seine Einzelteile, zerschlagen es, machen es praktisch funktionslos. Getreu dem Motto: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Oder auch: „Wer sich nicht an die Regeln hält, kriegt auf die Fresse!“ Und zwar bis er keinen Pieps mehr von sich gibt. 

Denn das ist es, was diese ganzen modernen MS-Medikamente bewirken. Natalizumab, Ocrelizumab, „Schießmichtot“-zumab und wie sie alle heißen.

Biotechnologisch hergestellte humanisierte monoklonale Antikörper #wowbegriff (Endung -mab monoclonal antibody), eine Klasse der sog. Biologicals — das sind Substanzen, die gezielt in die körpereigenen Vorgänge eingreifen und biologische Mechanismen der Krankheit beeinflussen. Eigentlich eine tolle und faszinierende Sache. Medizin und biologische Forschung sind schon was tolles.

Aber kann ich so ein Vorgehen für mich vereinbaren? Möchte ich so mit mir, meinem Körper, meiner Biologie umgehen?

Sie haben zum Ziel, wenn die Mediziner sie uns in unsere Körper spritzen, unserem Immunsystem den garaus zu machen. Natürlich ist das alles viel komplexer, aber das ist jetzt nicht wichtig, eine tiefergehende Erklärung würde mich jetzt von meinem eigentlichen Punkt abbringen (abgesehen davon, dass ich kein Fachmann in diesem Thema bin und es somit gar nicht hinreichend beschreiben könnte.) Mein Punkt ist vielmehr folgender und das ist der, um den es mir persönlich geht:

Diese ganzen „Zumabs“ sind nämlich potenziell tödlich. Weil sie das Immunsystem so derart zu Boden strecken, dass sogar ganz unbedeutsame Viren wie das Herpes-Virus oder das JC-Virus (siehe PML) unseren Organismus vollkommen zerstören, bis hin zum Tod. Solcherlei Viren tragen wir nämlich fast alle in uns, was gar kein Problem ist, da unser Immunsystem – erinnern wir uns – solche Eindringlinge meisterhaft in Schach hält und uns somit vor dem Ausbruch der durch sie verursachten Krankheiten schützt.

Doch wenn das Immunsystem brach liegt, haben die Viren freie Bahn. Und wir keine Chance. Das ist alles keine Übertreibung von mir – wenn du Pech hast mit der „Zumab-Therapie“, stirbst du.

Und warum wird das so gemacht? Warum riskiert man meinen Tod und richtet meinen einzigen natürlichen, naturgegebenen Schutz vor Krankheit zu Grunde? Damit ich ein, vielleicht zwei Jahre länger ohne Rollstuhl leben kann. Oder damit ich seltener einen Schub habe, der meinen Körper partiell und temporär außer Gefecht setzt. Ich kann dann, wenn ich einen Schub habe, gar nicht mehr laufen oder meine Hände können nicht mehr greifen. Oder — die Tastatur am Computer bedienen. Aha. Dann also, bin ich praktisch nicht mehr produktiv einsetzbar.

Überhaupt ist die MS für meine Produktivität ein riesen Mist! Ich bin immer müde. Überhaupt nicht leistungsfähig. Wenn man mir Stress macht, setze ich total aus. Druck? Damit ich zackig eben noch die neuesten Ergebnisse und Zahlen liefere? Nope, geschenkt — dann geht bei mir nämlich gar nichts mehr. Der Albtraum eines jeden profitgetriebenen Systems.

Ein Mensch, Teil unserer Gesellschaft, der einen Organismus hat, der per se keine Leistung in Aussicht stellt, keine Ausdauer hat, keinen Druck aushält und andauernd schläfrig, humpelnd, langsam und kraftlos ist? Was soll der einbringen, was zu ökonomischem Wohlstand und Wachstum beitragen?

Dann wohl doch lieber tot, oder?

Klingt alles furchtbar zynisch und verbittert? Und sowieso vollkommen falsch?

Weiß ich gar nicht so genau. Seit ich die Diagnose bekommen habe, war von Seiten der Ärzte und Berater nie Thema, dass sich jetzt mein Leben verändern würde, weil durch meine MS sich etwas in und an mir verändert hat. Es ging und geht immer nur um: „Welche Substanz pumpen wir in deinen Körper, damit alles so bleibt wie es ist, für möglichst lange Zeit.“ 

Ja, das ist sicherlich auch ein Ansatz. Aber nicht meiner.

Liebe Medizin, bitte hilf‘ meinem Körper sich selbst heile zu machen.

Mein Leben verändert sich nämlich. Weil ich mich verändert habe.

Ich bin einfach kein „High-Performer“ mehr. Das klappt nicht mehr, das wird wohl auch nichts mehr. Aber ich lebe. Und ich erfreue mich meines Lebens! Und zwar mit voller Energie und ganzer Kraft – solange ich sie habe und solange es geht!

Und eigentlich ist das gar kein Unterschied zu meinem „früheren“ Leben. Nur, dass ich das nie gesagt oder gedacht oder, schlimmer noch, empfunden hätte. „Ich erfreue mich meines Lebens.“ So lange ich es habe. Und was auch kommen mag.

Das Leben ist viel mehr als „Leisten“ und „Gelten“ und „Erreichen“. Das ist nichts Neues. Aber ich habe fast ein schlechtes Gewissen, dass ich das so oft übersehen habe. Mit der MS sehe ich, dass das Leben so viel mehr ist.

Liebes Leben, vergib mir, du bist jetzt ein anderes für mich.



10 Kommentare zu „Liebes Immunsystem — Liebe Medizin — Liebes Leben

  1. Lieber Farouk,

    Vielen Dank für den Einblick in deine Gedanken.

    Wie das Urvertrauen in den eigenen Körper erschüttert, wenn man gesagt bekommt, dass das eigene Immunsystem gegen einen selber arbeitet. Da ist man erst mal fassungslos, … Das beschreibst du sehr anschaulich für mich mit „Und mein Immunsystem ist doch mein Freund, mein Partner gegen Feinde meines Körpers„. Ich hatte einen kleinen Kloß im Hals.

    In letzter Zeit begegne ich öfter Haltungen wie „Liebe Medizin, bitte hilf‘ meinem Körper sich selbst heile zu machen.“ und auch als ich dies bei dir gelesen habe, stimmte es mich frohen Mutes, dass wir uns als Gesellschaft in eine Richtung verändern, die ich mag, die ich als hoffnungsvoll empfinde.

    Vorhin habe ich bei N**flix den Dokumentarfilm „Heal“ gesehen, den eine Freundin mir empfahl. In dieser Dokumentation begibt sich eine Frau auf die Suche nach Informationen dazu, ob und wie man sich selber heilen kann. Es werden verschiedene Personen eingeblendet, die in diesem Bereich arbeiten. Sie kommentieren aus ihrer Sicht verschiedene Bereiche der Selbstheilung. Ich fand den Film sehr bewegend und konnte auch hier und da etwas für mich mitnehmen. Vielleicht würde er dir auch gefallen; wenn du ihn nicht sogar schon gesehen hast.

    Liebe Grüße,
    Kiira

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    1. Liebe Kiira,

      vielen Dank für Deine Nachricht, hab‘ mich wirklich sehr gefreut! :)

      …und dass Du mir dadurch Gelegenheit gibst, Deinen Blog zu lesen und ich so auch Einblick in Deine Gedanken bekomme.

      Deine Idee, MS als Eigenschaft zu bezeichnen, finde ich großartig!

      Von dem Dokumentarfilm „Heal“ hatte ich noch nicht gehört – vielen Dank für Deinen Tipp! Ich werde ihn mir auf jeden Fall anschauen.

      Ich bin ganz überrascht, wie viele Parallelen es manchmal gibt, bei Menschen, die sich nie begegnet sind – …und das nicht nur bei der Haltung zur MS, sondern auch vielen anderen Dingen, wie ich in Deinem Blog lesen durfte…

      Liebe Grüße

      Farouk

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      1. Lieber Farouk,

        Ich habe gerade bemerkt, dass ich dir hier drauf nie geantwortet habe. Entschuldige bitte.

        Danke. ☺ Da die MS mal sichtbar ist, mal nicht, und man sich ja trotzdem auch gut fühlen kann, fand ich es falsch, mich dadurch immer als „krank“ zu sehen.

        Hattest du schon Gelegenheit, dir den Film „Heal“ anzusehen?

        Liebe Grüße,
        Kiira

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  2. Lieber Farouk, ich habe in deinem Blog schon den Zusammenhang zwischen Leaky Gut und MS gefunden. Ich habe mich inzwischen sehr viel mit dem Thema beschäftigt und auch – insbesondere in der englischsprachigen Literatur – Vieles gefunden, was für einen Zusammenhang spricht. Hast du auch davon gelesen, dass durch Fermentiertes dein Immunsystem gestärkt werden kann? Auch bei den Übeltätern Gluten und Milch habe ich häufig gelesen, dass die fermentierte Variante sehr viel bekömmlicher ist.
    Ich hatte, als ich das Buch „Eat Dirt“, gelesen habe, ein Aha-Erlebnis, denn für mich machte dann Vieles plötzlich Sinn: Warum unser Körper auf Nahrungsmittel reagiert, die er eigentlich vertragen sollte, wie z.B. Obst.
    Seit ich Sauerkraut, Milchkefir und Ähnliches in unsere Ernährung integriere, ist unser Immunsystem viel fitter geworden.
    Viele Grüße und schöne Ostern!

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