Neulich…

Ich fand dieses Blatt, das ich beschrieben hatte, mit ein paar Gedanken. Es ist wohl ein paar Wochen her, irgendwann als der Winter noch kalt und ungemütlich war. Wie so oft, seit dem Unfall, seit ich nicht mehr Auto fahre, hatte ich beim Schreiben im Bus gesessen:

Es war neulich. Ich war gerade auf dem Weg zur Bushaltestelle, zu Fuß. Moment mal – zu Fuß? Der Mann hat doch MS, da muss der doch im Rollstuhl sitzen, oder wie!? Nein, einen Rollstuhl habe ich noch nicht. Aber der wird noch kommen, das ist mir gewiss.

Der bitterkalte Winter hat ja jetzt seinen Höhepunkt an Gnadenlosigkeit erreicht, zumindest hier bei uns im Bergischen. Das hoffe ich zumindest, also, dass es dieses Jahr nicht noch kälter, dunkler und matschiger wird.

Aber nochmal zurück zu meinem neulichen Fußweg zur Bushaltestelle. Natürlich hatte ich wie immer, seit gut einem halben Jahr, meinen Gehstock zur Hilfe. Es war eisglatt, total kalt und der pladdernde Regen machte den Fußweg zur Matschgrube.

Richtig ätzend! Und gefährlich wurde es überdies, weil die vielen Autos, die an mir vorbei schossen, mich mit ihrem Windsog fast aus dem Gleichgewicht gerissen haben. Das mit dem Gleichgewicht ist nämlich so eine Sache mit meiner MS – funktioniert nicht mehr so zuverlässig und stabil.

Früher hätte mich so eine Situation mit all dem Matsch und meiner Gangunsicherheit aus der Fassung gebracht! Aber diesmal war das anders:

Ich begann zu singen!

„You must remember this, a kiss is still a kiss, a sigh is just a sigh – The fundimental things apply, as time goes by…“

(…ich habe keine Ahnung, warum dieses Lied. Aber es hat für mich die Bedeutung, „alles ist in Ordnung, alles ist gut, so wie es ist“.)

Was zeigt mir das? Was will ich damit sagen? Ich war immer sehr impulsiv – ich bin auch immer noch impulsiv. Aber ich hebe mir meine Impulsivität und meine Kraft auf. Ich spare sie auf, für Situationen, die wichtig sind. Anstatt sie zu verpulvern für Dinge, die ganz unwichtig sind.

Wichtig sind die Dinge im Leben, die mir ein Gefühl von Lebendigkeit geben. Von Amlebensein.

Das, was dir den Ärger in die Magenkuhle treibt – das ist ganz unwichtig.

Die vielen Erinnerungen an Vergangenes tragen meist gute Momente in sich. Ein Lachen, ein Staunen, ein Zufriedensein.

Zumindest habe ich immer Glück gehabt, die anderen, nicht so schönen Dinge auszublenden.

Dennoch, mich so richtig aufregen und über etwas zu ärgern, das konnte ich früher immer gut. Grummel grummel, in mich rein. Damit verschwende ich Zeit und Kraft nicht mehr.

Früher, da hätte ich gewettert und getobt über das Wetter und den Matsch. Grummel grummel, in mich rein.

Heute, also neulich, habe ich gesungen. „You must remember this, a kiss is still a kiss…“

:)

6 Kommentare zu „Neulich…

  1. Schön. Übrigens: Ja, es kann sein, dass du später einen Rollstuhl brauchst, es kann aber auch sein, dass deine Situation stabil bleibt. Meine Nachbarin hat seit vielen Jahren MS, kann immer noch fast alles, sie hat die Wohnung extra umgebaut, braucht aber bisher keinen Rollstuhl. Wer weiß, wie sich die Krankheit bei dir entwickelt. Liebe Grüße!

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