Der MRT-Beat (Meine Geschichte Teil 4)

„Die könnten aber auch mal wieder die Decke streichen“, denke ich bei mir und grinse dabei in mich rein.

Du erinnerst Dich? Ich bin im MRT angelangt, nach einem guten viertel Jahr Wartezeit. Solche Wartezeiten werden mir in Zukunft noch öfter begegnen – das lasse ich jetzt auch einfach unkommentiert.

Ich liege also auf diesem schmalen Brett mit Blick an die Decke.

Die Aufnahmeprozedur in diesem Radiologie-Zentrum war überaus hektisch gewesen. Was für ein Betrieb. Menschen in allen Altersklassen.

Linker Wartebereich für das MRT, in der Mitte war CT, die Nuklearmedizin schließlich ganz rechts. Und alle Wartebereiche waren voll bis oben hin.

Es war so unruhig und laut durch die vielen hin und her tippelnden Menschen und durch die vielen Geräusche aus Gesprächen, Fragen und Antworten.

Aber viel lauter als die Geräusche waren die vielen Blicke, mit denen die wartenden Menschen den verwinkelten Saal füllten.

„Warum ist der wohl hier?“ „Guck mal, der junge Hüpfer da, der hat sich bestimmt nur den Meniskus gerissen beim Fußball!“ „Und was hat sie denn wohl? Nur zur Routineuntersuchung? Oder doch Krebs?“

Solche und ähnliche Gedanken dieser wartenden Menschen füllten den Raum.

Ich musste mich mühsam konzentrieren auf mich und auf meine Notizen, die ich noch zu Hause in mein kleines, schwarzes Notizbuch geschrieben hatte. Vielleicht würde ich Gelegenheit bekommen, dem Radiologen ein paar Fragen zu stellen. Ich will doch immer alles ganz genau wissen und verstehen. Kenn’ mich doch! Und dann wäre ich eben schon mal vorbereitet.

„Herr Martini.“ Raus aus dem Stuhl. Raum 3. Klamotten ablegen. Uhr abnehmen. Ringe ab. Ketten ab. Ach, die Brille natürlich auch.

Raus aus der kleinen Umkleidekabine, aber durch die hintere Tür.

Und da steht sie, die Riesenröhre. Nein. Sie liegt. So, wie ein großes U-Boot im Hafenbecken liegt und ruht und nur darauf wartet, langsam und mächtig in die See auszulaufen.

„Dtock – Dtock – Dtock – Dtock“ – das ist der Rhythmus des MRT. Der MRT-Beat.

So fremd und neuartig diese Geräusche für mich waren, so schnell habe ich mich mit ihnen angefreundet. Das ist wie eine Drum-Loop im Tonstudio, habe ich bei mir gedacht. Und Du bist in der Gesangs-Kabine und stimmst Dich auf den Beat ein. First Take.

Die Stimme aus dem kleinen Lautsprecher gibt mir das Signal. Es geht los. Zügig und mit einem summenden Motorengeräusch unterlegt fahre ich mit dem Kopf zuerst in die enge Röhre.

Ich habe Kopfhörer auf, Lärmschutz.

„Dtock – Dtock – Dtock – Dtock“

Schließe die Augen. Konzentriere mich auf irgendetwas, ein Bild in meinem Kopf. Eine schöne Landschaft vielleicht? Blick auf’s Wattenmeer an meiner geliebten Nordsee.

Oder doch der MRT-Beat? Aus diesen überdimensionalen Magnet-Resonanz-Spulen.

Ja, ich habe schon bei diesem ersten Mal in der Röhre den MRT-Beat für mich entdeckt.

Der hilft mir, meine Klaustrophobie zu überwinden. Hilft mir, die Ängste zu überstehen. Ängste aus Gedanken und Phantasien, die diese komplizierte Diagnostik unweigerlich in mir aufbegehren lassen.

Wie schlimm wird es sein? Wie beunruhigend wird der Blick des Radiologen sein, auf diese Bilder, die das MRT aufnimmt?

Bilder von meinem Rückenmark? Meine Wirbelsäule durchleuchtet? Und Bilder – von meinem Gehirn?

Wo wird es sein? Was wird man sehen? Wie schlimm ist es?

„Dtock – Dtock – Dtock – Dtock“

10 Kommentare zu „Der MRT-Beat (Meine Geschichte Teil 4)

    1. …oh ja, das sind sie – und da kann man scheinbar nichts dran ändern. Nicht mal meinem praktizierenden Arzt war es gelungen etwas zu beschleunigen (trotz dass ein zeitnahes MRT einmal besonders wichtig war). *seufz* Naja, Sabine, Du weißt es sicher auch aus eigener Erfahrung!
      LG

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  1. Kannst stolz auf Dich sein. Auf Deinen Umgang mit Deinem Schicksal, und dass du wählst, nicht still vor Dich hin zu leiden, sondern der Welt von etwas berichtest, worüber sonst nur Ignoranz und Tabus herrschen.
    Es sind sonst immer nur „die anderen“ die so ein Schicksal haben. Und das ist halt Quatsch. Unsere Welt mit ihren Filtern, was sein darf und was nicht – DU machst da nicht mehr mit, und ich feiere Dich dafür!

    Mit Deinen Texten können sich wahrscheinich viele Leser gut identifizieren. Und plötzlich bist du näher an den Menschen und die Menschen an Dir. Und an der MS.
    So eine MS braucht wahrscheinlich auch bisschen Liebe und Anerkennung. Du erschaffst mit Deinen Beiträgen einen wirklich vielschischtigen und tiefen Einblick in etwas, was Du wahrscheinlich selber auch nicht total begreifst, und Du teilst es mit uns. Von ganzem Herzen – Bravo!

    Ich bin überzeugt davon, dass Kunst entsteht, wenn Du etwas schaffst, was andere Menschen berührt, und ihnen etwas aufzeigt oder eröffnet, was sie so bisher nicht gesehen haben.
    Und so sind Deine Texte.
    Die Finsteren genauso wie die Optimistischen, Zufriedenen.

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    1. Danke, Karmen, vielen und herzlichen Dank für Deine Worte und Dein irrsinnig geiles Feedback (ich meine jetzt jedes einzelne, das mir jetzt hier frisch in meine Inbox geflattert ist – das war wirklich toll alles zu lesen!!) Es fühlt sich gut an, wenn es so sein sollte, dass ich Menschen mit meinem Geschriebenen berühre oder ihnen irgendetwas geben kann. Naja…und wenn es nur ein einziger Mensch ist, wäre das ja schon irre…:) (so groß ist meine Leserschaft ja dann doch nicht…) Dein Gedanke mit dem Buch…das ist ein sehr schöner Gedanke…das gefällt mir irgendwie…naja, ein bisschen träumen darf man ja… :) Ganz liebe Grüße an Dich, Karmen, Du hast mir beim Bloggen von Anfang an immer wieder einen Motivationsfunken gezündet! Bist halt ein sehr guter Coach! ;-)

      Gefällt 1 Person

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