Und alles wurde anders (Meine Geschichte Teil 6)

…schön.

„Aber das muss noch gar nichts heißen, solche Gewebeverhärtungen können viele Ursachen haben. Vielleicht ist es auch nur wegen Mangel an Vitamin B12. Machen Sie sich erstmal keine Sorgen. Wir prüfen das nochmal in der Klinik.“

So die abschließenden Worte des Radiologen.

Es war ein kauziger, älterer Mann, mit weißen, langen Haaren, zum Pferdeschwanz zusammengebunden. In seiner Sozialisierung ganz putzig unbeholfen. Er machte den Eindruck auf mich, dass er immer und zu jeder Tages- und Nachtzeit in diesem abgedunkelten Radiologen-Kabuff sitzt und MRT-Bilder begutachtet. Sonst nie Kontakt zu anderen Menschen hat.

Nur ab und zu, wenn er etwas findet, zu dem er eine bescheidene aber treffliche Expertise geben kann, dann ruft er den Patienten oder die Patientin zu sich in die Kabine und gibt sein unerschöpfliches Wissen weiter, mit Hingabe und Genugtuung.

Dieser Radiologe hat mir imponiert mit seiner ruhigen Art und seiner offensichtlich bestehenden Erfahrung.

Und wenn ich solche Erfahrung bei anderen Menschen spüre, dann – und nur dann – kann ich beruhigende Worte annehmen. Und so bin ich zuversichtlich und ohne ein Gefühl von Verängstigung in die Klinik gefahren und habe mich auf die Neurologie begeben. (Natürlich nach dem ganzen Überweisungs- und Termin-Papierkram, den man dann immer so machen muss.)

Multiple Sklerose – MS. „Die Krankheit der 1000 Gesichter“ — das war das Erste, was ich darüber erfahren habe, aus dem erstbesten Artikel, den ich im Internet darüber fand. Im gleichen Moment als der Chefarzt der Neurologie die Tür hinter sich zufallen lies.

Er hatte mir soeben mitgeteilt, dass ich laut Diagnose durch MRT und Lumbalpunktion (das ist, wenn sie dir mit einer irrsinnig langen Nadelkanüle Nervenwasser aus dem Rückenmark ziehen) und weiteren technologischen Hokuspokus1 „gesicherte MS“ habe. Kurz und bündig. Protokoll abgeschlossen. „Danke für‘s Gespräch und einen schönen Tag.“ Es fehlte eigentlich nur noch ein, „angenehmen Aufenthalt in unserer Klinik“, dann hätte ich dem Doc den Preis für den besten Kundenservice im Gesundheitswesen ausgesprochen. Aber leider keinen Preis für gute Medizin.

Die Krankheit der 1000 Gesichter. Na toll. „Wir wissen nicht, warum du es hast und wie es für dich werden wird – aber wir wissen, es ist unheilbar.“ Das war sie also, die Prognose, die die Medizin für mich übrig hatte.

Und mit einem Moment war alles anders. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Zumindest für mich, in meinem eigenen Kosmos. Um mich herum ging ja alles weiter. Freunde, die gerade dabei waren, die Welt zu bereisen oder Familien zu gründen. Arbeitskollegen, die neue Chancen für sich ergriffen und tolle Erfolge erzielten – für‘s Unternehmen und für die eigene Karriere. Sogar in dem Krankenhaus, in dem ich damals in der Neurologie lag, liefen scheinbar überall gesunde, fröhliche und positiv nach vorne schauende Patienten und Ärzte umher.

Die Welt um mich herum schien zu strahlen. Alles erblühte. Nur ich, nur ich bekam ein übergroßes, tiefrotes Stopp-Schild vor den Kopf geknallt.

  1. Notiz an mich: Diagnose-Hokuspokus-Methoden genauer und ausführlich beschreiben. Extra Kapitel? …oder Anhang?

3 Kommentare zu „Und alles wurde anders (Meine Geschichte Teil 6)

  1. Das Lesen deiner Geschichte rüttelt meine Geschichte wach. Dein Chefarzt bekommt die Medaille für“ konsequente Aufklärung“ meiner für “ Wie drücke ich mich vor der Wahrheit“. Schreiben hilft bei der Aufarbeitung des Scherbenhaufens. 😎 LG Sabine

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    1. Ja, Sabine, Das glaube ich Dir gern, dass Du auch skurrile Erlebnisse mit Ärzten hattest. Ich bin selbst auch immer mal wieder schockiert worden, wie sich manche Ärzte in manchen Situationen verhalten haben. Das Gute ist, wir sind ja (weitgehend) frei, einen anderen Arzt zu wählen, wenn es mal so gar nicht passt. In das Krankenhaus, über das ich hier schreibe, bin ich ein nächstes mal nicht mehr gegangen – sondern eben in ein anderes, mit anderen Ärzten, da war es dann auch besser.
      LG Farouk :)

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