MS-Logbuch 27.03.2019 — und was es mit Kortison auf sich hat.

Also, ich war bei meinem Doc. Gemeinsam haben wir uns entschieden, die Kortison-Stoß-Therapie durchzuführen.

Ja, gemeinsam. Mein Arzt, mit dem ich wirklich Glück habe, bezieht mich in solche Entscheidungen ein. Keine „von oben herab“-Verordnungen. Aber dazu und zu meinen Erfahrungen mit Ärzten irgendwann einmal mehr, glaube ich.

Weil es wegen meines Schubes für mich nun stramm auf die Kortison-Stoß-Therapie zugeht, beschreibe ich diese hier zunächst. Vielleicht ist das ja interessant.

Kortison-Stoß-Therapie

Was ist Kortison?

Kortison (besser gesagt Kortisol) ist ein Hormon. Das bilden wir von Natur aus selbst (in der Nebennierenrinde) und wir haben es sowieso immer im Blut. Mal mehr mal weniger. Je nachdem, was bei uns im Körper so los ist.

Wie alle Hormone ist Kortisol in komplexe Vorgänge in unserem Körper eingebunden. Vieles wird darüber geregelt und gesteuert.

Notiz an mich: hier bitte etwas mehr Substanz, das ist allzu sehr vereinfacht! Später mal mehr in einem eigenen Beitrag darüber schreiben?

Üblicherweise bildet (und benutzt) unser Körper 8mg bis 25mg pro Tag. In Stresssituationen auch mehr, bis zu 300mg. (Das ist aber extrem viel und schadet auf Dauer unserer Gesundheit, was wieder einmal zeigt, wie umfangreich Stress auf uns wirkt – und oft eben sehr negativ.)

Warum Kortison bei MS, und zwar bei einem Schub?

Kortison wirkt, sehr verkürzt und vereinfacht ausgedrückt, Entzündungen entgegen – und zwar ziemlich effektiv. Es gibt viel „Für und Wider“ beim Einsatz von Kortison. So effektiv es auch wirken kann, so viele unerwünschte und auch gefährliche Nebenwirkungen kann es haben.

Was ist denn überhaupt ein Schub?

Als Schub bezeichnet man bei der MS eine akute, also jetzt gerade aktive, Entzündung im zentralen Nervensystem. Liegt eine akute Entzündung vor, ist das Folge oder Ursache (vieles bei der MS weiß man gar nicht so ganz genau, wenn man besonders ehrlich ist) dafür, dass die Nervenbahnen gerade von Immunzellen angegriffen und beschädigt werden. Darum gilt oft als erste Maßnahme: die Entzündung eindämmen, damit möglichst wenig Schaden an den Nervenzellen entsteht. Und das geht mit Kortison effektiv und schnell.

Warum heißt es Kortison-Stoß-Therapie?

Das Kortison wird per Infusion (also intravenös, am Tropf) verabreicht. Die Infusion dauert dann so etwa eine bis zwei Stunden, je nachdem wie man es verträgt und der Arzt/die Ärztin es für richtig hält. Ich habe aber auch schonmal eine Infusion bekommen, die hat gerade mal 20 Minuten gedauert. whoosh!

Bei der Kortison-Stoß-Therapie werden die Infusionen an drei aufeinander folgenden Tagen zu jeweils 1000mg Kortison intravenös gegeben. Also hochdosiert und stoßweise, entgegen z.B. der langfristigen, niedrig dosierten Gabe per Tabletten.

Aber die Tabletten-Gabe kann auch hochdosiert erfolgen. Das kann auch Sinn machen. Denn so eine intravenöse Gabe, mit dem ganzen „Rumgesteche“ in der Armbeuge kann ja auch wieder Risiken haben, z.B. örtliche Infektionen. Tabletten andererseits — das habe ich aber nur von anderen gehört, ich selbst habe noch nie Kortison in Tablettenform bekommen — können wohl mächtig auf den Magen schlagen, in so einer hohen Dosis.

Nochmal erinnert: natürlicherweise haben wir ca. 8mg Kortison in uns, ein Kortison-Stoß hat üblicherweise 1000mg.

Das läuft dann über einen „Tropf“ (0,5 Liter Kochsalzlösung/Prednisolon, so wiederum heißt der synthetisch hergestellte Kortison-Wirkstoff).

Ich habe auch schonmal fünf Tage hintereinander je 2000mg bekommen. Das kann man dann machen, wenn eine erste Behandlung nicht ausreichend geholfen hat.

Welche Nebenwirkungen kenne ich während und kurz nach der Infusion?

Glücklicherweise vertrage ich Kortison ganz gut. Habe keine Nebenwirkungen wie z.B. der oft beschriebene „Flush“; mit Herzrasen, hochrotem Kopf und Hitzewallungen.

Magenkrämpfe und Erbrechen; nach dem, was man so hört, kommt das auch bei manchen Menschen vor.

Bei mir ist es lediglich ein etwas erhöhter Puls, das nehme ich aber nicht als unangenehm/negativ wahr.

Aber ich verharmlose Kortison auch nicht. Es ist schon ein ganz schöner Hammerschlag für den Organismus, dieses Kortison in solch hohen Dosen. Es erschöpft auch und laugt den Körper aus.

Und die Psyche ist ja auch belastet. Meine zumindest. Es ist einfach kein schönes Gefühl, diese ganze Prozedur mit der Infusion und am Tropf hängen und so weiter. Ich mache jedesmal Fotos davon, Selfies mal anders – und erschrecke jedesmal erneut.

Und ist Kortison gut?

Die hochdosierte Kortison-Gabe ist sicherlich ein gangbarer Weg einen Schub zu behandeln – aber vielleicht alles andere als ein guter Weg. Und schon gar nicht langfristig gesehen. Risiken und Nebenwirkungen hat dieser Weg viele.

Kortison zersetzt z.B. Knochenmasse. Die Gefahr der Osteoporose wird damit groß.

Muskelmasse wird auch angegriffen bzw. reduziert. Was für ein Graus für mich als Liebhaber von Hantel-Training und Kraftsport.

Viele andere Gefahren und unerwünschte Effekte kommen hinzu.

Es gibt sogar Stimmen, die sagen, dass der Einsatz von Kortison bei der MS dazu führen kann, dass das Fortschreiten der Krankheit insgesamt befördert wird. Akute Entzündungen eines Schubs würden zwar von Mal zu Mal reduziert, die Degeneration der Nervenzellen nehme jedoch im Gesamten zu.

Über die Korrektheit dieser These kann ich nichts sagen, dazu weiß ich zu wenig über entsprechende Studien. Aber allein der Umstand, dass ich es mal gehört habe, bewegt ja schon etwas in mir, verändert meine Einstellung zum Kortison.

Schon richtig blöd, das alles.

Aber über allem steht für mich:

Mir hilft es. Und das ist für mich entscheidend.

Das ist meine immer wieder kehrende Frage: „Hilft mir das?“ – „Tut mir das gut?“

Wenn ich das mit „ja“ beantworten kann, dann mache ich es.

Noch. Denn vielleicht ändert sich das. Meine Einstellung dazu. Mein Körper. Die Auswirkungen auf meine MS.

Wie oft ich das noch machen werde?

Werd’ ich sehen und jedes mal erneut entscheiden.

Für die nächsten drei Tage gilt:

Jeweils morgens zum Doc, Kortison, intravenös, 3x 1000.

6 Kommentare zu „MS-Logbuch 27.03.2019 — und was es mit Kortison auf sich hat.

    1. Ja, MS gilt als Autoimmunerkrankung. Die Zellen des Immunsystems zerstören die sog. Myelinscheide der Nervenbahnen. Das kann man sich so vorstellen wie beschädigte Isolation beim Stromkabel. So entstehen dann so Art Kurzschlüsse bei der Signalübertragung in den Nerven. Und Ursache sei, so die aktuelle Forschung, das eigene, fehlgeleitete Immunsystem.

      …oh man, das war jetzt aber holprig, ich sollte auch mal darüber einen Beitrag schreiben, bildhaft aber mit etwas mehr Substanz… :-)

      Danke für Deine Wünsche – ich werde berichten…

      Gefällt 1 Person

  1. Erst einmal: ich lese das alles interessiert mit, auch wenn ich nicht von MS betroffen bin.

    Zum anderen: Diese Entscheidungen immer wieder zu treffen, das ist schon sehr belastend. Ein Arzt, dem man vertraut, ist immerhin schon mal eine sehr gute Sache. Ich denke, zu einem guten Teil trägt auch die eigene Einstellung zu den jeweiligen Behandlungen/ Therapien bei. Wenn ich dahinter stehe, davon überzeugt bin, die richtige Entscheidung für dieses Mal getroffen zu haben, war mein Eindruck stets, dass mein Körper die notwendige Chemie auch besser verkraftet. Ich den vollen Nutzen habe, der Schaden sich in Grenzen hält.

    Dieses Mal hast Du diese Entscheidung getroffen, zugleich hältst Du Dir offen, wie Du beim nächsten Mal entscheidest. Das liest sich alles sehr vernünftig. Alles Gute!

    Gefällt 1 Person

  2. bei mir bzw. meiner ms hat das kortison (ich erhielt urbason iv immer im jüdischen krankenhaus hier in berlin) eine zeit lang ziemlich gut gewirkt bis ich plötzlich anaphylaktische schocks davon erhielt, wobei ich bei dem zweiten fast „den löffel abgegeben“ hätte. zum glück war ich im krankenhaus ubd so konnte schnell reagiert werden. danach bekam ich nur noch einmal ein anderes cortison in fester form, wobei vorsichtshalber gleich ein definrilator neben meinem bette stand. danach nach absprache mit der chefärztin bekam ich ein jahr einmal im monat mitoxantron und danach endoxan für 10 monate. dann zog ich allerdings nach darmstadt und der dortige professor erklärte mich für austherapert, denn ich hatte alles mögliche bereits auch vorher schon bekommen. immunsupressiva zb, die ich ich gar nicht vertrug.
    und so lebe ich mit meiner primär chronisch progredienten ms halt so gut es geht und bin meist trotzdem guter dinge, den jammern war noch nie mein fall.

    Gefällt 2 Personen

    1. …..achherrjeee…..wenn ich das so lese, was Du schreibst, Kirsten, wird mir ganz anders…..
      Was die Ärzte anrichten mit ihren Therapien….ich finde das wirklich sehr erschreckend….diese Checklisten-Medizin….“haste das, kriegste das – haste das schon gehabt, gibt’s das nicht mehr…..und wenn das schon war, biste „austherapiert“. Ich habe einen Bekannten, bei dem das ganz ähnlich gewesen ist wie Du beschreibst….und ich selbst sollte auch ganz am Anfang das Mitox bekommen…..ich hatte jedoch abgelehnt, weil die Stationsärztin in dem Krankenhaus dem Chefarzt in einem ruhigen Moment widersprochen hatte und mir sagte, „sie sind noch jung, leben sie doch lieber noch eine Weile und genießen das Leben – bevor wir ihnen hier Mitoxantron spritzen…!“
      Ja – und seitdem nehme ich gar nichts (außer mal kurz Interferon).
      Es ist einfach unglaublich, was für Erfahrungen man mit den Ärzten macht! Ich wettere ja gar nicht gegen die Medizin und die Ärzte – aber man muss schon sehr darauf achten, was man mitmacht und was man einfach verweigert….finde ich….
      Ob ich PPMS oder „normal“ schuborientiert bin – hat übrigens noch niemand schlussendlich herausfinden können….mal sehen, was noch kommt….
      Ich wünsche Dir sehr, dass Du Dich nicht entmutigen lässt von diesem „Unwort“ (wie ich finde!) „austherapiert“ – und Wege für Dich findest, immer ein bisschen besser damit zu leben.
      Alles Gute und liebe Grüße
      Farouk

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