Mein Rolli und die Zeit

Ich bin immer gut vorbereitet. Und ich bin pünktlich.

Menschen, die mich gut kennen, wissen, dass das nicht stimmt. Beides nicht.

Sie wissen, ich bin der totale Chaot. Und gerade wegen meiner schlechten Vorbereitung muss ich so gut wie immer improvisieren. Ja, um mal in den Worten von Karl Lagerfeld † (den ich immer sehr verehrt habe) zu sprechen: Ich bin improvisiert!

Aber ich wache langsam auf.

Niemand und nichts hat es je geschafft, mir zu mehr Planbarkeit und Pünktlichkeit zu verhelfen oder es mir beizubringen. Was ich sehr bedauere, das ist nun nichts, was ich mit wehenden Fahnen vor mir her trage.

Aber sie – meine MS – sie hat es geschafft.

Weil mir Geschwindigkeit und körperliche Spontanität schwer fallen, wegen der ganzen Beeinträchtigungen, die ich durch die Folgen meiner MS habe. Wegen der längeren Reaktionszeiten. Wegen dem geminderten Gleichgewichtssinn. Und, ganz wesentlich, wegen meiner geringen Gangfähigkeit.

Ich habe gar keine andere Chance als genau zu planen. Großzügige Zeitpuffer in die Planung mit einbeziehen. Mich dann auch wirklich auf die Minute, besser auf die Sekunde daran halten.

Alle oben erwähnten Menschen, die mich gut kennen, werden jetzt aufatmen. „Nach all den Jahren – wir haben doch alles versucht – hat er’s nun endlich begriffen“, werden sie jetzt sagen. :)

Aber all die Ermahnungen und die Ungeduld hatten nie zu etwas geführt. (…wofür ich euch um Entschuldigung bitte, für jedes einzelne Mal! :))

Und wenn ich auf den Rollstuhl angewiesen bin, an besonders schlechten Tagen oder für längere Spaziergänge, dann muss ich eben noch größere Zeitpuffer einplanen. Denn das Verladen ins Auto dauert und nachher wieder raus. Das „Alles-beisammen-haben“. Das „In-die-Gänge-kommen.“

Wege finden, die eben frei von Barrieren sind. „Über-gänge“, über die man auch rollen kann.

Kurz mal über das Mäuerchen da hüpfen, das ist nicht mehr. Es muss jetzt der groooße Bogen drum herum sein, der zu der betonierten Rampe führt.

Das kostet eben alles Zeit. Grob geschätzt und über den ganzen Tag gemittelt würde ich sagen drei mal so viel Zeit.

Und das stimmt auch mit meinem gefühlsmäßig empfundenen Tagesinhalt überein. Die Tage sind kurz geworden. Kräftemäßig schonmal ohnehin. Zeitmäßig aber eben auch. Weil alles lange dauert.

Ich kriege einfach wenige Dinge untergebracht.

Das Gute daran? Ich wäge genau ab…

…und stelle mir diese Fragen:

  • Wie wichtig ist das?
  • Wie wichtig ist mir das?
  • Was passiert, wenn ich das nicht mache?
  • Wie wertvoll ist es, wenn ich es mache?

Und das ist irgendwie alles ganz gut. Nicht mehr alles zu erledigen und diesem inneren Zwang zu folgen, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit.

Nein. Die Dinge, die mir wichtig sind und die ich schaffe.

Am Ende des Tages ergibt das eine wertvolle „Tagesbilanz“.

Keine endlose Liste mit abgehakten „To-Do’s“, von denen sowieso die Hälfte (weil unerledigt und „unschaffbar“) auf den nächsten Tag verschoben wird.

Sondern ein Tag, an dem man gute Dinge erlebt hat, die einem wichtig sind.

check ✓

4 Kommentare zu „Mein Rolli und die Zeit

  1. Hallo Mitstreiter, das hast du sehr treffend und sehr gut geschrieben. Bei mir ist einiges ein bisschen genau anders. Ich bin schon immer eine Planerin und Organisiererin, was ich immer noch sehr gern mache. All die Fragen, die du dir stellst stelle ich mir mittlerweile auch, weil einfach alles langsamer geworden ist und ich nicht mehr zehn Sachen gleichzeitig oder innerhalb von ein zwei Stunden machen kann, sondern genau abwäge, was und wann in welcher Zeit machbar ist.

    Das nervt mich ganz oft, weil ich gern schneller will, es geht aber nicht. Also mache ich langsam und dafür genieße ich die Momente viel intensiver. Die Entdeckung der Gemütlichkeit nenne ich es.

    Ich freue mich, deine Gedanken zu lesen und wünsche dir noch eine schöne Woche.
    Liebe Grüße Dany

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Dany,

      vielen Dank für Deine Gedanken zu meinem Betrag.

      Ja, ich glaube auch, so wie Du es auch schon schreibst, wenn man erstmal aufhört sich mit der eigenen Langsamkeit (und so weiter) auf die Nerven zu gehen, dann kann man sich erst richtig an der „Entdeckung der Gemütlichkeit“ erfreuen! Find’ ich sehr gut, mach’ ich mit! :-)

      Ich schau’ bestimmt auch bald wieder bei Dir auf Deinem Blog vorbei und wünsche Dir auch eine gute (nunmehr neue) Woche!
      Liebe Grüße

      Farouk

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