Geliebte Nordsee

Ich war an der Nordsee. Für ein paar Tage. Das war sehr schön. Und sehr gut. Für klaren Blick auf’s Leben.

Die Nordsee hat auf mich eine so ergreifende und beruhigende Wirkung zugleich.

Und es wird gleich klingen wie erzwungen-nostalgisch und nach aufgesetzter Seefahrer-Romantik; doch es ist für mich so:

Zurück von der Nordsee fühle ich mich immer erfüllt mit einer Haltung von Aufbruch, von Neuanfang, nein Wiederanfang. Voller Mut und Kraft für die Zukunft — die ich nicht kenne.

Und wer kennt schon seine eigene Zukunft. Niemand von uns kennt die Zukunft. Wir bauen alle auf Annahmen und Wahrscheinlichkeiten. Man kann auch sagen: Wir bauen auf unser Vertrauen in die Dinge, wie wir sie erwarten.

Wir haben eben Vertrauen.

Vertrauen auf die Grundlagen, die Grundzutaten unseres Lebens. Und darauf bauen wir auf. So wie wir ein Brot backen, mit Mehl und Wasser und Salz. Auf diese Grundzutaten backen oder „bauen“ wir unser Brot.

Und das ist für mich mit meiner MS ganz genau so. Oder? Na gut, ein kleiner Unterschied ist offensichtlich. Nämlich, dass eine Grundzutat meines Lebens mir nun fehlt (oder zumindest nicht mehr ganz in Ordnung ist): meine Gesundheit.

Aber wenn ich genau hinschaue — und da komme ich dann wieder zu meiner geliebten Nordsee, die mich eben dorthin treibt, die Dinge einmal genau und ganz klar und mit aller Ruhe anzuschauen — ist es ja gar nicht meine Gesundheit, die mir als Grundzutat fehlt.

Sondern das Vertrauen in die Zukunft. Vertrauen, das zerrüttet ist.

„Die Krankheit der 1000 Gesichter“ — dieser Spruch war so allgegenwärtig nach meiner MS-Diagnose. Ich konnte es schnell schon nicht mehr hören. Unerträglich – immer die selbe Leier! Und fast habe ich ein schäbiges Gefühl dabei, diesen Spruch hier an dieser Stelle schon wieder aufzuwärmen.

Denn, ob du’s willst oder nicht, er macht etwas mit dir, wenn du ihn andauernd von Ärzten und (Mit-)Betroffenen und in Büchern hörst bzw. liest. Klingt ja auch im ersten Gedanken gut und so schön bildhaft verständlich.

Doch ist er so übervereinfachend und einfach…Entschuldigung…dämlich! Und macht etwas mit dir. Mit erhobenem Zeigefinger voller Rüge und (vielleicht falschem) Mitgefühl.

Der Spruch macht: — „alles ist völlig unvorhersehbar“ — „der Verlauf ist ungewiss“ — „wie es werden wird, kann dir niemand sagen“ — „Pläne? …schwierig, aber du kannst es versuchen“ —

Und diese Fragmente der Ungewissheit über die eigene Zukunft, sie sind es, die mir das Vertrauen so sehr zerrüttet haben. Und das macht Angst.

Mit so einer Haltung in die Zukunft starten? Aufrecht und zuversichtlich bleiben? Glück folgen, anstatt nur Schaden minimieren?

Mein pessimistisches ich sagt: „ach….nö…wie soll ich das denn jetzt auch noch schaffen!?“

Aber jetzt kommt mein optimistisches ich: „Ja! Na klar, warum auch nicht?“

Denn es ist ja nichts anders als ohne meine MS.

„Echt?“

Ja! Ich wiederhole einfach mal die Sätze von oben — jedoch ohne den Blick mit meiner MS im Hinterkopf.

Das Leben:
— „alles ist völlig unvorhersehbar“
— „der Verlauf ist ungewiss“
— „wie es werden wird, kann dir niemand sagen“
— „Pläne? …schwierig, aber du kannst es versuchen“

Hm. Klingt prima. Und ist ja nichts anders jetzt. Oder?

Ich schau’ jetzt in meiner Phantasie wieder auf meine geliebte Nordsee und denke darüber nach.

Über Aufbruch in eine Zukunft voller Leben — ohne Gewissheit, aber mit Vertrauen.

Wie das eben für uns alle so ist.

17 Kommentare zu „Geliebte Nordsee

  1. Als ich noch in Norddeutschland lebte, konnte ich „schnell mal“ an die Nordsee fahren, mir den Wind um die Ohren pusten lassen, wodurch auch ein Teil meiner schweren Gedanken wieder geordnet oder erleichtert wurde. Diese Möglichkeit habe ich nun nicht mehr, und manchmal vermisse ich sie.

    Was Du vom zerrütteten Vertrauen, Plänen für die Zukunft schreibst, kann ich nachempfinden, erlebte das während der Krebserkrankung. Ich fühlte mich, wie vor die Wand gefahren. Ein Erleben, als sei Zukunft – mit all den darin verborgenen Möglichkeiten – für mich nicht mehr gegeben.

    Ich finde es toll, wie Du Deinen Optimismus immer wieder die Oberhand gewinnen lässt. Und ich denke auch, dass das eigene Erleben insbesondere von der eigenen Haltung und Sichtweise auf die Dinge mitbestimmt wird. Wir haben leider nicht alles in der Hand, aber das Mögliche zu versuchen, das ist schon viel wert. Ich bewundere, wie Du Deinen Weg gehst.

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    1. Huhu :)

      Und als ich noch in Norddeutschland lebte (bin dort aufgewachsen), da wusste ich die Nordsee gar nicht wirklich zu schätzen. Blaues Meerwasser fand ich schöner als „schlickig-braunes“ und mit dem Watt ließ sich so doof Sandburgen bauen. :) Jetzt (und seit einigen Jahren) ist das anders. Die Nordsee mit ihren Inseln, das ist doch wie ein guter Wein, nicht wahr? Den lernt man auch erst spät zu schätzen. So kann ich Dich gut verstehen, dass Du gerade sie vermisst. Vielleicht hast Du ja trotzdem Gelegenheit dort hin zu reisen, das wünsche ich Dir!

      Ich danke Dir, dass Du hier so offen schreibst. „Ein Erleben, als sei Zukunft – mit all den darin verborgenen Möglichkeiten – für mich nicht mehr gegeben.“ Ich denke viel über diesen Satz von Dir nach. Ich erkenne da ganz viel von meinem eigenen Erleben.

      Danke für Deine Worte. Sie ermutigen mich. Und so wünsche ich Dir auch weiter viel Mut.

      Liebe Grüße
      Farouk

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  2. Lieber Farouk,

    Was ich da lese i s t sowas von gesund!!!!

    Wind im, um den Kopf tut immer gut…. Pust pust…

    Dann macht das Leben ganz magisch laut leise still… ganz einfach: pling 💫

    Herzliche Grüße
    Annette

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    1. Bitte entschuldige 💐 (<== das ist ein Blumen-Smily, ich hoffe, das funktioniert! :) 
- dass ich erst jetzt so spät auf Deinen Kommentar reagiere. Ich hatte mich sehr darüber gefreut! Ich war aber etwas „abgetaucht“ die letzten Tage, daher erst jetzt meine Antwort… ;-)

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    2. Liebe Annette,

      ich danke Dir für’s „Pusten“ und „Plingen“ !! :)

      Manchmal ist es wahrscheinlich wirklich das Beste, sich auf diese ganz kleinen Dinge zu besinnen und die ganze Freude daraus zu empfinden, nicht wahr…

      Davon wünsche ich Dir ganz viel! :)

      Liebe Grüße

      Farouk

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  3. Ich habe zehn Jahr in Wyk auf Föhr gelebt und vermisse die Nordsee, auch wenn es im Wendlandland wunderschön ist. Und ja, ich weiß, was Du meinst. Ich habe Polyarthrose und lebe genau so fröhlich, wie vorher (ohne Schmerzen). Vielleicht sogar zufriedener, weil mir:
    Das Leben:
    — „alles ist völlig unvorhersehbar“
    — „der Verlauf ist ungewiss“
    — „wie es werden wird, kann dir niemand sagen“
    — „Pläne? …schwierig, aber du kannst es versuchen“
    erst jetzt so richtig klar geworden ist, was das bedeutet. Und ich will auch mit meiner Krankheit ein gutes Leben haben. Punkt. Und nächste Woche fahre ich an die Ostsee. Auch schön! Liebe Grüße und eine gute Nacht!✨ 🌟✨Regine

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    1. Bitte entschuldige 💐 (<== das ist ein Blumen-Smily, ich hoffe, das funktioniert! :) 
- dass ich erst jetzt so spät auf Deinen Kommentar reagiere. Ich hatte mich sehr darüber gefreut! Ich war aber etwas „abgetaucht“ die letzten Tage, daher erst jetzt meine Antwort… ;-)

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    2. Liebe Regine,

      oh wie schön, auf Föhr! :) Ich glaube, da kannst Du Dich sehr glücklich schätzen, so lange Zeit dort gelebt zu haben, das ist ja wirklich traumhaft (nehme ich jetzt einfach mal an, oder?) – Ich habe mich schon gefragt, ob das „etwas“ wäre, tatsächlich auf einer der Inseln zu leben…oder ob man dem irgendwann „überdrüssig“ wird…? Wie war das denn für Dich? (wenn ich fragen darf)

      Und ganz herzlichen Dank, dass Du hier so offen über Deine Krankheit erzählst. Das ist wirklich großartig, dass wir uns hier so auf diese Weise austauschen können. Da bekommen die Worte „du bist nicht allein“ nochmal eine Bedeutung! :)

      Liebe Grüße
      Farouk

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      1. Hallo Farouk, danke für Deine lieben Worte. Ich freue mich auch, Dich hier getroffen zu haben. Was ich in Deinem Blog lese, berührt mich sehr.
        Ich lebte gerne auf Föhr, zumal ich mich dort schwer verliebte und meine beiden Söhne dort geboren wurden. Dort zu leben hatte aber auch seine Nachteile. Es gab kaum bezahlbare Wohnungen. Das Leben überhaupt war teuer. Ausflüge auf das Festland mit dem Auto kosteten viel Geld und im Sommer war es fast unmöglich, spontan dorthin zu fahren, weil die Fähren schon monatelang ausgebucht waren. Die Touristenmassen nervten uns und so beschlossen wir eines Tages, nachdem wir mit zwei kleinen Kindern wegen Eigenbedarfs gekündigt wurden, ins Wendland zu ziehen.
        Heute würde ich aber sofort wieder nach Föhr ziehen, wenn ich es mir leisten könnte!
        Liebe Grüße und ich wünsche Dir einen schönen Mai. Für mich ist das der schönste Monat und ich werde ihn genießen. Regine

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      2. Danke für diesen kleinen Einblick…ja, das sind sicher die Nachteile, die auf den zweiten Blick das Leben auf so einer Insel unschön beeinflussen…und gerade das sicherlich höhere Risiko einer Wohnungskündigung wegen Eigenbedarf (*hüstel*) lässt einen ja vielleicht nicht mal ruhig schlafen….

        Naja, schön, dass Ihr Euch jetzt im Wendland habt! :)

        Ja, der Mai ist besonders schön, das finde ich auch (…und da hab ich auch noch Geburtstag ;-) – wünsche Dir auch guten Start in diesen Monat! :) LG Farouk

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  4. Meine Diagnose war niederschmetternd. Lungenfibrose & Sarkoidose mit 24 h Sauerstofftherapie.Die Prognose……wir wissen nicht wie lange sie leben werden. Wir wissen nicht …..Es sind 2 1/2 Jahre seit Diagnosestellung vergangen. Ich bin seit März 2017 in Berufsunfähigkeitspension und versuche jeden Tag zu genießen. Ich schaue für meine Erkrankung viel zu gut aus und ich hoffe diesen Zustand recht lange zu halten.😁 Manche Dinge benötigen Vorplanung ansonsten versuche ich alles zu machen was mir Freude macht und mich nicht stresst.😁

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    1. Bitte entschuldige 💐 (<== das ist ein Blumen-Smily, ich hoffe, das funktioniert! :) 
- dass ich erst jetzt so spät auf Deinen Kommentar reagiere. Ich hatte mich sehr darüber gefreut! Ich war aber etwas „abgetaucht“ die letzten Tage, daher erst jetzt meine Antwort… ;-)

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    2. Liebe Sabine,

      ich danke Dir, dass Du hier so offen über Deine Diagnose schreibst. Ich stelle mir das noch viel tiefgreifender und – wie Du es nennst – „niederschmetternder“ vor, eine Diagnose mit so einem Bezug auf eine Überlebensprognose. Das muss sehr hart sein.

      Und es ist so toll und Du machst so viel Mut, wenn Du erzählst, was Du daraus machst! Ich sehe ja immer die schönen Reise-Fotos auf Deinem Blog – und da sieht man Lebensfreude pur! :)

      Liebe Grüße
      Farouk

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    1. Bitte entschuldige 💐 (<== das ist ein Blumen-Smily, ich hoffe, das funktioniert! :) 
- dass ich erst jetzt so spät auf Deinen Kommentar reagiere. Ich hatte mich sehr darüber gefreut! Ich war aber etwas „abgetaucht“ die letzten Tage, daher erst jetzt meine Antwort… ;-)

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    2. Liebe Dorothea,

      oh, ja, in diesem Gedanken finde ich mich – und das sage ich voller Selbstkritik – sehr wieder: „kann ich mich den anderen so zumuten?!!“

      Und das ist ja das, was einen oft abhält, einfach zu machen, was einem Freude macht, nicht wahr…

      Aber, dass wir das beide schon erkennen, ist ja schon ein guter Anfang das zu ändern! :)

      Liebe Grüße
      Farouk

      Gefällt 1 Person

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