Stille tut gut

„Du bist viel zu verkopft“, sagte sie, die jetzt längst verflossene. Zu mir. Ich antwortete, „wer weiß, wofür es einmal gut ist, das wird mir sicher einmal nützlich sein.“ Sie belächelte mich. Doch ich wusste, ich würde Recht behalten. Und heute bin ich es, der lächelt.

Der menschliche Geist ist etwas Wunderbares. Dein Geist macht dich frei. Frei von Bewegung. Frei von deinem Körper. Frei von der Schwerkraft, frei von Geschwindigkeit. Frei von der Trägheit der Welt, die dich fesselt und bewegungslos machen kann.

Und all das wird noch viel wichtiger, wenn du eine körperliche Behinderung an dir hast. So wie ich, heutzutage.

Für mich war es immer so wichtig, spontan und beweglich zu sein. Laufe ich nach rechts und musste doch nach links? Kein Problem! Hüpf ich halt zwei Schritte in einem Satz rüber, dann bin ich wieder auf der Spur.

Tanzen und springen, von der Bühne runter und wieder hoch. Alles ist möglich, wenn dein Körper fit ist und du Kraft hast.

Und genau so ist alles möglich, wenn dein Geist stark ist.

Ich mochte immer – ja, schon als Kind – die Stille. Das Alleinsein, das mit mir und meinen Gedanken sein. Nennt’ man introvertiert, glaub’ ich. So haben sie mich zumindest immer genannt (gesagt haben sie dabei sowas wie „imtofatiert“), bevor sie – dann natürlich ohne mich – auf den Bolzplatz gestürmt sind. Puh, was war ich immer froh, hatte ich dann doch endlich meine Ruhe! (Fußball is’ eh nichts für mich…)

Ich habe pausiert, hier mit meinem Blog. Funkstille. Funk, Stille.

Danke Euch allen für die lieben Nachrichten und ermunternden Worte für meine „Rückkehr“! :-)

Und diese Pause hat mir gut getan. Sehr gut.

Ich habe sie genutzt, um mich zu besinnen. Nochmal schauen, was wichtig ist für mich. Unterscheiden von wichtig und unwichtig. Witzigerweise ist die ursprüngliche Bedeutung meines Namens, Farouk, „der Unterscheider von richtig und falsch“ – liegt ja immerhin nah bei „wichtig“ und „unwichtig“.

Pause. Stille. Für Besinnung. Erkenntnis.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch lange nicht zu Erkenntnis gekommen bin. Dass das Suchen nach Antwort mir nur wieder neue Fragen aufgibt. Aber das ist schon Erkenntnis genug für mich. Und das gibt mir Zuversicht. Dass nichts aufhören wird. Mit mir in meinem Geist und mit etwas, was wir den heiligen Geist nennen können. Wenn wir daran glauben wollen.

Der Glaube ist für mich wichtig geworden. Nicht, dass er es früher nicht war. Ich hatte ihn halt. Wie man ihn eben so hat. Man kennt Kirchen, man kennt Moscheen, Weihnachten und die Bibel, das Beten, mehr kindlich als seriös. Glauben, weil da noch etwas „Höheres“ sein müsse.

(An dieser Stelle möchte ich der Vollständigkeit halber nur mal anmerken, dass ich Zeuge bin dafür, dass zwei der großen Weltreligionen, nämlich das Christentum und der Islam, sehr wohl nebeneinander und in Frieden und Liebe leben können. Und dass sie die gemeinsamen kulturellen und weltlichen Herausforderungen meistern können. Und zwar unter einem Dach. Und in einer Familie. Und was mich mit meiner in diesem Sinne „bipolaren“ Prägung angeht, auch in einem Herzen. Mit freundlichen Grüßen an alle die, die meinen, sich wegen dieser Dinge gegenseitig bekämpfen und hassen zu müssen.)

Nun liegt es nahe anzunehmen, der Glaube schenke mir Trost. Trost, den ich brauche, weil ich doch jetzt so etwas Schlimmes habe wie meine MS.

Doch nein, Trost ist es eben nicht, den ich brauche. Denn der Mangel, den ich durch meine MS erlebe, ist nicht groß. Relativ gesehen. Mich nerven diese Sachen einfach. Nicht mehr weit zu Fuß kommen, ständig erschöpft sein, nicht wissen, wie’s weitergeht (aber wer weiß das schon), keine Konzentration und so weiter.

Trotz all dem, der Mangel ist nicht groß. Weil er Ausgleich findet. Ausgleich durch großartige Begegnungen, alltäglich und im Besonderen. Persönlich und schriftlich. Im engsten Kreis und fast unbekannt. Und immer bewundernswert mitmenschlich.

Begegnungen, die mir nicht passiert wären ohne meine MS. Das macht sie wertvoll und gar nicht so sehr trostwürdig.

So ist der Glaube also nicht Trost und Hoffnung für mich. Natürlich sind das Dinge, die der Glaube (auch für mich) bedeutet. Aber grundlegend dafür, dass ich jetzt so sehr zu meinem Glauben finde, ist vielmehr der Schatz an Antworten, die er mir gibt.

Antworten auf eben diese Fragen, was wichtig ist, was wertvoll ist, was das Wesentliche ist.

Ein Schatz an Antworten, ja sicher, und wieder neuen Fragen.

Und das ist gut.

Danke für’s Lesen.

8 Kommentare zu „Stille tut gut

  1. Mann Farouk! Was für ein geiler Text! Wie gut, dass Du wieder schreibst!!!
    Was hast Du mit Deinen Blogtexten vor? Wird das ein Buch? Ich kann mir sehr gut ein Buch vorstellen, in dem Du deine Einsichten und Erzählungen bündelst…
    Ich find, Du machst das spitzenmäßig!

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  2. Ich glaube, daß die MS, zumindest mir zeigen mag wo ich aus der Balance gekommen bin und meist viel zu viel von mir abverlangt und gefordert habe.
    Lieben Dank für deine authentischen Worte, Zeilen.

    Gefällt 1 Person

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