Meine MS, Deine MS

Vielleicht fällt es auf; immer wenn ich darüber spreche oder schreibe, nenne ich sie „meine MS“. Warum?, und warum ist mir das so wichtig?

Ganz am Anfang meines Kennenlernens dieser Krankheit (bewusst nenne ich sie jetzt so anonymisiert) war mir aufgefallen, dass viele Betroffene die Multiple Sklerose in ihrem Wortgebrauch abwertend, fast obszön benannt hatten. „MS = Mist Stück“. Oder „Meine Seuche“. Oder andere Beispiele.

Von Anfang an fand ich das befremdlich. Und ich konnte mich überhaupt nicht damit identifizieren, etwas, das in mir ist, ein Teil von mir ist, so abschätzig zu „behandeln“. Klar, es ist eine Krankheit, die neu in mein Leben gekommen war. Und ich kam auch immer gut zurecht, ohne, dass sie da war.

Eine Krankheit ist eine Krankheit. Damit ist sie etwas, was man sich als Mensch nicht wünscht – sich selbst nicht und anderen auch nicht. Und eine chronische Krankheit ist auch immer eine kleine oder große Katastrophe.

Aber es ist.

So, wie es ist.

Und ich konnte mir von Anfang an nicht vorstellen, dass ich nun etwas, was chronisch ist (lat. chronicus, zur Zeit gehörend), etwas, was zu meiner Zeit gehört – zu mir gehört – so etwas von mir weg stoßen würde. Wenn auch nur mit Worten. Nicht als meins verstehen würde. Nicht zu mir aufnehmen würde.

Darum hatte ich mich früh dazu entschieden von „meiner MS“ zu sprechen. Jedes Mal, wenn ich darüber spreche und jedes Mal wenn ich darüber schreibe.

Mehr noch, war mein erster Entwurf meines Blog unter dem Namen „eins mit meiner MS“ zu finden. Weil: ich eins bin mit meiner MS.

Das klingt alles so … verkopft (wiedermal) und irgendwie, naja ist doch egal, wie das heißt und wie man’s nennt.

Aber es ist eben nicht egal, glaube ich. Anfangs kam ich mir fast albern vor, dieses „meine MS“, immerzu und andauernd und in Wiederholung. Aber es hat etwas mit mir gemacht, etwas in mir verändert.

Meine Haltung, meine Akzeptanz, mein Selbstverständnis. Meine Bereitschaft, Veränderung zuzulassen.

Aber es geht nicht nur um mich – sowieso. Jeder und jede MS-Betroffene hat eine einzigartige Ausprägung, einzigartige Symptome, Beeinträchtigungen, Verläufe, Folgen, Niederlagen, Erfolge, Probleme, Nöte, Erlebnisse, Freuden.

Die Krankheit mit den 1000 Gesichtern. Ist bekannt, ja.

Doch viel mehr als das, ist die MS die Krankheit mit den Millionen Geschichten. Jeder hat seine eigene, die eine, Geschichte. Jeder kommt auf seine eigene Weise damit klar. Jeder Betroffene und jede Betroffene lebt damit. Kann die eine, einzigartige Geschichte erzählen.

Deine Geschichte, über Deine MS.

Und ich schreibe meine Geschichte auf.

Über meine MS.

4 Kommentare zu „Meine MS, Deine MS

  1. So schön und treffend! Ich nehme alles, auch das Unangenehmste, als das Meine an. Denn es ist meins. es ist mein Leben. Wenn ich es daraus verstoße, bleibt ein Loch, und wer lebt schon gern als Lochmensch (Loch Ness)?

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  2. Du sprichst meine Gedanken aus. Ich habe anfangs auch gelesen, dass man sich für die beiden Buchstaben MS Wörter raussuchen soll. Bei mir kam dann ganz spontan „mein Schatz“. Zuerst war ich etwas irritiert aber dann ging es mir wie Dir. Ich fühlte mich von solchen Bezeichnungen wie „Miststück“ usw. sehr abgestoßen. Es ist MEINE Krankheit, die zu mir gehört und ich möchte auch nichts zu mir gehöriges so negativ benennen.

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