Chance für Trauer

Ich bin mit meiner MS ja nicht der einzige Mensch mit einer einschneidenden Lebenserfahrung. Sowas gehört irgendwie zum Leben dazu. Und Menschen gehen sehr verschieden mit so etwas um.

Bei manchen ist es ein Schlaganfall oder eine schwere Krebs-Diagnose – ob selbst betroffen oder im Angehörigenkreis – die das Leben voll aus der Bahn werfen, zum Erliegen bringen. Bei anderen eine wie auch immer geartete Zerrüttung in der Arbeit, Aufgabe des Jobs, Orientierungslosigkeit im beruflichen Werdegang. Und bei wieder anderen eine jahrelange, im Leben tief gewachsene Beziehung, die zerbrochen und zu Ende gegangen ist.

Und während ich es niederschreibe, wird mir bewusst, ich gehöre auch zu diesen „manchen“ und „anderen“ und „wieder anderen“.

Und wenn ich mir erlaube, woanders hin zu schauen, auf andere (die ich gut kenne) zu schauen und zu beobachten, „wie sie es schaffen, derart damit umzugehen, dass sie all das scheinbar viel schneller und leichter überwinden als ich“, dann wird mir ein besonderer Unterschied klar:

Sie lassen sich selbst nicht zu, in eine Trauer zu gehen.

Ich glaube, Trauer wird bei uns gerne „weg-organisiert“.

Stille und Stillstand werden am Liebsten vermieden. Denn Stille schenkt Gedanken einen Raum. Und Gedanken über, was nun sein wird und was nicht mehr ist, spenden Nährboden für Trauer. Und Trauer kann weh tun. Und Schmerz kann lähmen, kann einen bewegungsunfähig machen. Bis nichts mehr geht.

Kein „keep smiling“, kein „ich hab Spaß“, kein „Krönchen auf und weiter geht’s“.

Sondern: Trauer.

Ich glaube, dass die Kultur der Trauer sehr wichtig für uns Menschen ist. Und, dass Trauer eine Chance ist. Verlust, Begrenzung, Versagen – all diese zu verarbeiten, zu begreifen, in das Erleben einzuordnen.

Und an dieser Erfahrung zu wachsen. Neue Gedanken zu erleben. Leben ein bisschen mehr zu verstehen.

In unserer schnelllebigen Zeit, in der man sich lieber stark zeigt als schwach zu sein, und in der man sein Leben nach Zielen und Erfolgen definiert und eben nicht nach dem Erleben und Empfinden, wird diese Sache mit der Trauer einfach sehr lästig.

Lieber nicht. Lieber nicht stehen bleiben. Lieber nicht zu viel nachdenken. Wer jetzt durchhält ist klar im Vorteil und wer später bremst ist schneller da.

Lieber schnell alles organisieren. Weitermachen. Trauer? Keine Zeit! „Kein’ Kopp’ für so’n altmodischen, biblischen Kram!“

Zurück zur Tagesordnung.

Wenn das die Methode ist, solche Dinge im Leben schnell zu überwinden, dann ist das sicher nicht meine Methode. Wir alle müssen hier das Passende und Richtige für uns finden. Da bin ich ja nicht in der Position zu predigen oder zu überzeugen.

Doch überzeugt bin ich davon: dass eine Zeit der Trauer so sehr wichtig ist und wir das in unserer Gesellschaft viel zu wenig zulassen noch praktizieren noch einander gewähren.

Trauer ist ein Chance. Und Trauer verdient eine Chance. Eine Chance, etwas in uns zu verändern.

Und deshalb sage ich für mich: ich bin in Trauer. Und ich weiß nicht, wie lang sie sein wird. Aber das macht nichts. Denn sie ist etwas Gutes. Die Trauer.

Das weiß ich. Ganz sicher.

4 Kommentare zu „Chance für Trauer

  1. Trauer ist ein emotionaler Zustand, so etwas wie eine Katharsis, und dient der Verarbeitung von Verlust. Ihre Gestalt wird weitgehend durch die Persönlichkeitsstruktur bestimmt, und durch Wertmassstäbe. Lang andauernd oder kurz, offen oder versteckt, verdrängt oder theatralisch ausgelebt – alles ist möglich, und nichts kann auf die Schnelle beurteilt werden. Und was heute gilt, darf man nicht extrapolieren, denn Gefühle sind flüchtig und wandelbar.
    Richtig ist: Wenn die Trauer vor der Tür steht, soll man öffnen. Verdrängung schadet der Seele. Und hier endet meine Weisheit. Ds Ausleben von Trauer ist individuell bestimmt und geschieht auf der schwer zu kontrollierenden emotionalen Ebene. Dort hat der Verstand ausgesüielt, und damit auch der Verdrängungswunsch – irgendwann poppt sie hoch ins Bewusstsein. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
    Grüße! Roland

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  2. Ich finde einen Satz in deinem Beitrag sehr bedeutsam, „das Erleben einordnen“, wenn wir dies nicht tun, wird uns das Schicksal und der Schmerz noch heftiger treffen, unbarmherzig. Leben was ist, stehen bleiben,
    verarbeiten und auf irgendeine Weise wieder klar kommen. Wir können uns vor unserem Schicksal nicht verstecken. Ein paar Haltestellen habe ich auch bereits hinter mir gelassen.

    Hoffe, du konntest deine Zeit auf deine Weise genießen. LG Tete

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  3. Deinen Text bildlich gesehen (weil ich das so gerne mag) Hand in Hand mit der Trauer. Sich miteinander vertraut machen, keine Freunde, dass wäre vielleicht zu viel des Guten, aber gute Bekannte denen auch die gemeinsame Stille kein Unbehagen hervorruft.

    Ich könnte das nicht, wie viele andere auch….um so mehr solltest du dich selber „FEIERN“. Klopfe dir auf die Schulter oder gönn dir mehr Süßigkeiten oder was auch immer dein Herz begehren mag. :)

    Danke

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