Nein!

Es ist ja immer dasselbe. Irgendjemand erwartet etwas von dir. Jemand verändert etwas – einen Plan, eine Zielsetzung oder einen Termin – und erwartet, dass du mitgehst mit dieser Veränderung.

Und, was machst du? Du schaust sofort, wie aus einem überlebenserhaltenden Reflex, nach Möglichkeiten deine eigenen Pläne, Termine usw. zu ändern, um sie bzw. dich an die Veränderungen des anderen anzupassen.

Das verursacht Stress. Mir jedenfalls. Denn ja, auch ich habe meine eigenen Pläne, Zielsetzungen und Termine. Weiß jemand anders aber nichts von. Oder kann sich das nicht vorstellen. Oder ist einfach gleichgültig.

Aber du sagst ja auch nichts. Sagst nicht, „nein, geht nicht.“ Sagst nicht, „nö, tut mir leid, ein andermal.“ Sagst nicht, „Nein!“

Ich weiss, das ist ein Thema für viele Menschen. Und für mich ein Riesenthema. Und ich glaube, so etwas wie meine MS ist Ausdruck davon.

Ausdruck für: so viele Jahre deines Lebens hast du das so gemacht und geduldet.

Und so etwas wie meine MS ist auch Appell:

„Die Kraft hast du jetzt vielleicht nicht mehr. Aber den Mut, den habe! Sag: Nein!“

18 Kommentare zu „Nein!

  1. Gerade in der letzten Zeit, da jeder meiner Sätze mit einem Hustenanfall endete, habe ich schmerzlich gelernt nein zu sagen. Ich wollte und will es noch, jedermann lieb Kind sein und niemanden enttäuschen, aber um mir selbst Willen, musste ich die Reißleine ziehen. Nein ist manchmal auch ein Ja zu sich selbst!

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    1. Das sagen die Anderen. Die sind aber nicht in Dir drin. Sich zu verändern, eben auch das zu machen was Dir gut tut, wird vielleicht nicht sofort akzeptiert. Aber mit der Zeit werden Deine wahren Freunde sich daran gewöhnen. Weil Sie wissen, was für Dich gut ist. Und die Anderen sagen nur das, was für sie gut ist; sind stark auf sich und ihre Meinung bezogen.

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  2. Gutes Thema. ich lebe in einer Umwelt, in der die Menschen ständig ihre Entscheidungen revidieren, nach gusto. Fast möchte ich sagen „Griechen sind so“, sie leben stärker in ihren Impulsen des Hier und Jetzt – was natürlich so verallgemeinernd auch nicht stimmt. Aber es ist hier viel normaler, Verabredungen zu vergessen, unpünktlich und unzuverlässig zu sein, weil etwas anderes dazwischengekommen ist. Ich würde sagen: hier ist alles eher frei flutend ,regellos – angefangen beim Verkehr, Hausbauen, Handel bis hin zu den zwischenmenschlichen Beziehungen. Da lernt man zwangsläufig irgendwann (immer noch finde ich es schwierig), auf sich selbst zu sehen. Was will ich selbst? Traue ich mich, das dann auch zu tun?

    Die Frau an der Kasse arbeitet hart, schnell, effizient – und dann kommt jemand vorbei, lange nicht gesehen, man kommt ins Schwätzen, keiner hat ein Problem damit, außer vielleicht du, der du grad an der Kasse wartest. Oder: Zwei verabreden sich am Omonia-Platz in Athen, laufen sich aber zum verabredeten Zeitpunkt zufällig 70 km entfernt in ihrem Heimatdorf über den Weg – beide hatten plötzlich keine Lust mehr auf den Omonoia-Platz, vergaßen aber, den anderen darüber zu informieren. Wäre ich der andere gewesen: sicher hätte ich wie ein Depp am Omonoia-Platz gestanden und geflucht, weil ich ja auch lieber ins Dorf gefahren wäre. (dies ist eine wahre Geschichte).
    Du bist, wie du erzähltest, in Syrien geboren, es wäre mal interessant zu vergleichen, wie der Zeitrhythmus dort und in Deutschland ist. Und ob deine MS vielleicht auch mit einem Zusammenstoß zweier unterschiedlicher Zeitrhythmen zu tun hat. Vielleicht ist der deutsche Zeitrhythmus – dieses fast maschinenhafte Gleichmaß, Gleichschritt, nicht zu schnelll, nicht zu langsam, das den Deutschen in den Zeiten der Industrialisierung auf- und eingeprägt wurde – deinem Organismus zuwider. Als Musiker hast du sicher ein besonders ausgeprägtes Gefühl dafür, welcher Rhythmus für dich gesund, weil zu dir passend ist.
    Liebe Grüße!

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    1. Das sind viele gute Gedanken und Thesen, die Du mir hier schreibst. Ich musste (und muss immernoch) sehr schmunzeln bei Deinen Beschreibungen zu Verabredungen und dem Leben nach Impulsen und dem Frei-flutenden, Regellosen. Ja, das kenne ich aus Syrien (da sind sich Syrer und Griechen wohl ähnlich) nämlich alles sehr gut. Solche Situationen, von Verabredungen, die du mit einem Freund machst (oder sogar auch Geschäftspartner, wie ich von meinem Vater weiß) – und derjenige kommt aber nicht. Naja, drei Stunden später halt. Oder am nächsten Tag. Wenn man das so schreibt, dann wirkt das ulkig und witzig. Und man kann es ja nicht glauben! Aber: es ist real.

      Meine Mutter (sie ist ja eine „Ur-deutsche“, übrigens deine Namensvetterin) hat es schier in den Wahnsinn getrieben, was ich gut verstehen kann. Für mich waren es von Geburt an zwei völlig unterschiedliche Welten, die aufeinander geprallt sind, aber immerhin kannte ich beide von Beginn meines Lebens an. Aber ich denke tatsächlich, was Du sagst, ist bestimmt irgendwo ein Thema für mich und meine MS. Diese Zerrissenheit zwischen den beiden Kulturen. Ich denke nicht, dass ich allein dadurch MS habe, sicher nicht. Aber diese Themen mit der inneren Abgrenzung, des Nein-Sagens, des auf-sich-selbst-Achtens (und die sind alle sehr wohl ein Ursprung meiner MS, davon bin ich dann schon überzeugt) – die haben sicher damit zu tun, dass mir das klare Vorbild einer einzigen Kultur gefehlt hat. Ist es nicht so? Ich denke jetzt einfach mal laut. Bi-kulturell aufzuwachsen hat viele Vorteile (die ich auch nicht missen möchte und die mich sicher ausmachen) aber auch Nachteile und Schwierigkeiten.

      Jedenfalls, ich würde mich selbst schon als sehr „deutsch“ bezeichnen und Korrektheits-liebend – aber Pünktlichkeit und Zeitgefühl habe ich einfach nicht. Es ist ein Graus! Und ich gehe mir ja selbst auf die Nerven damit (ganz zu Schweigen von meinen Mitmenschen). Und das ist echte Zerrissenheit, oder? Da muss man ja sowas wie MS kriegen, da muss das Immunsystem einfach verrückt spielen! :D

      Das macht es mit der Selbstliebe, die hier in den Kommentaren immer mal genannt wird, auch so schwierig für mich (nicht unmöglich aber schwierig). Du eiferst einer Eigenschaft von dir nach, die du lieben würdest – aber du hast sie nie gelernt. Du weißt einfach nicht, wie das geht. Das ist ein schöner Mist… :)

      Liebe Grüße zurück an Dich!

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  3. Liebe Farouk, ich glaube es ist sehr wichtig deinem Gefühl Ausruck zu verleihen. Ich kann sehr gut Grenzen ziehen und mir fällt es nicht schwer NEIN zu sagen, sobald ich merke, dass es mich innerlich stresst. Ich kann dich sehr gut verstehen aber ich glaube uns muss klar sein, dass das nichts mit Egoismus zu tun hat NEIN zu sagen, sondern mit einer Portion „Selbstliebe“. Wir würden uns sonst selber nicht gut tun und das würde unser Umfeld auch merken. Die Menschen, die uns wirklich mögen und respektieren können unsere Entscheidungen akzeptieren.
    Von dem Rest kannst du dich getrost trennen.

    LG Tete

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    1. Liebe Tete, das ist sehr gut, wenn Du das Nein-Sagen so gut kannst. Ich bin da wohl noch im Lernprozess, aber ich mache gute Fortschritte, meine ich doch zumindest. :)

      „Farouk arbeitet bedächtig aber gründlich.“ – so steht es in meinem Zeugnis der ersten Klasse. Und daran hat sich bis heute nichts geändert (fürchte ich *lach*). Und so gilt es wohl auch für mein „Nein-Sagen“. Ich lerne und lebe langsam … aber gründlich! :)

      Liebe Grüße an Dich!
      Farouk

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      1. Das hört sich doch super an :-). Das wichtigste ist doch intensiv zu leben, auf die Geschwindigkeit kommt es nicht an. Es ist wundervoll Menschen zu treffen ,die anders leben, einen anderen Rhythmus haben, wir können voneinander lernen. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, die ruhig und gelassen sind, es entschleunigt meinen Puls. Genau so höre ich das umgekehrt, von meinen Freunden, ich bringe ein bisschen Feuer mit.
        Dir noch einen schönen Tag…bei mir scheint gerade die Sonne durch’s Fenster, das tut sooo gut!

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  4. Lieber Farouk, ich finde deinen Beitrag zum Thema Nein sagen auf den Punkt gebracht. Vor allem das […]wie aus einem überlebenserhaltenden Reflex[…] Trifft es echt, wie die Faust aufs Auge (bei mir zumindest). Nein sagen ist echt schwer wenn man nicht der Typ dafür ist. Ich hab oft für andere getan, verschoben, geregelt und war für andere ein Ja-Sager.

    Heute fällt es mir immer noch schwer und, wie es schon im ein oder anderen Kommentar erwähnt wurde, ist das ein jahrelanger Prozess. Aber mittlerer Weile bin ich ein Ja-Sager für mich selbst geworden, ein Ja für mich und ein Nein zu anderen. Mein Freundeskreis hat sich etwas ausgedünnt und es sind diejenigen geblieben, welche mir keine positive Energie ziehen. Sie sind da wenn ich sie brauche, ich bin da wenn sie mich brauchen, aber keine ist böse wenn der andere mal nicht kann.

    Wie sagt mein Freund immer so schön? „Alles was in den eigenen 4 Wänden ist, kommt zu erst und dann der Rest.“ und sowie so muss man sagen, ist ein gesunder Egoismus sehr wichtig. Wenn man selbst nämlich nicht funktioniert. Wenn man dann für andere seine eigene Interessen, Hobbies, Wellnessprogramme und schlussendlich die eigene Gesundheit opfert um am Ende da zu stehen wo man eigentlich gar nicht hinwollte, ist dem Rest auch nicht geholfen. Dann ist man auch zufriedener mit allem, weil alles viel entspannter abläuft und das ist dann wahre Selbstliebe.

    In diesem Sinne,
    Lg Frieda

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    1. Liebe Frieda,
      Danke, dass Du meinen Beitrag so aufmerksam gelesen hast und darauf antwortest.

      „Ja-Sager für mich selbst“, dieses Modell, das Du hier nennst, gefällt mir sehr gut. Und ja, es ist ein jahrelanger Prozess, zu lernen, für sich selbst einzustehen, sich selbst vor den anderen zu vertreten und mit klarem Blick und festem Stand dem anderen „Nein“ zu sagen. Immerhin haben wir (zumindest ich) ja auch ein ganzes Leben lang gelernt „Ja“ zu sagen und es den anderen Recht zu machen. Da muss man erstmal wieder „zurück“ finden. „Zurück“, denn ich glaube, dass das tatsächlich mehr unserer Natur entspricht (als Mensch und Tier) uns um unsere eigenen Bedürfnisse zu kümmern, damit wir dann stark genug sind uns auch um andere zu kümmern – ganz so, wie Du es auch schon schreibst.

      Was ich dennoch vermeiden möchte, ist in so eine Art Ego-Monster-Modus zu verfallen. Also, „ich, ich, ich“ und ich schmettere alles (und jeden) ab, was diese Schwelle übertritt und werde biestig dabei – dieses Verhalten beobachte ich leider bei vielen anderen Menschen, die dabei sind, das „Nein-Sagen“ zu lernen (oder glauben es bereits gelernt zu haben). Das wäre dann für mich nicht so der richtige Weg.

      Aber wir müssen wohl gar nicht egoistisch werden, nur um zu uns zu stehen. Es ist wohl (mal wieder) ein Balanceakt, den wir dann als gesunden Egoismus beschreiben. Gut finde ich auch, was Dein Freund dazu sagt.

      Ich wiederhole im Grunde, alles, was Du sagst, mit meinen eigenen Worten, weil wir so einer Meinung sind. Das ist doch prima! :)

      Liebe Grüße an Dich!

      Farouk

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