Foto: Farouk - "Festung"
Foto: Farouk – „Festung“

Diese Krise, diese Krise, die wir jetzt alle erleben, diese Krise ist wirklich heftig. Ist sie nicht? Wer könnte das alles auf die leichte Schulter nehmen? Eine Pandemie! Nicht einmal nur eine Epidemie! Das haben wir alle noch nie erlebt, nicht wahr?

Alles ist anders, auf einmal, von einem Tag auf den nächsten. Zuerst waren es Annahmen, beginnend bei einer kleinen Auffälligkeit, die irgendwo festgestellt wurde. Irgendwo, unscheinbar und weit weg. Wir haben dieser Randnotiz – denn als solche haben wir sie zunächst wahrgenommen bei all den anderen wichtigen und sowieso für uns genug schwerwiegenden Themen – erst gar nicht so viel Bedeutung beigemessen. Nein, wir hatten doch eh schon genug im Kopf. All die kleinen und großen Dinge, die unser Leben bestimmten.

Aber dann, so nach und nach, gab es immer mehr Hinweise und immer mehr Experten-Meinungen und Erkenntnisse. Die Informationen verdichteten sich und das Bild wurde immer deutlicher. Die Meldungen wurden immer erschreckender, die Bilder auch.

Dann, keine Zweifel mehr. Die Hoffnung, dass alles ein harmloser Irrtum gewesen sein muss – verloren. Aus. Uff.

Fakten mussten her. Verständnis. Wie funktioniert das? Wie überträgt es sich, wie breitet es sich aus? Wie kann man es verhindern, wie bekämpfen? Und überhaupt; was soll das alles? Wer hat das gemacht? Wer ist schuld daran? Die Chinesen mit ihren bestialischen „wet markets“? Oder unsere eigene Gesellschaft mit ihrer entfremdeten Natur? Oder ist es am Ende alles zusammen – die Globalisierung? Haben sich intrigante Mächte gegen uns verschworen oder gar die Pharmaindustrie, um ihre Impfstoffe zu vermarkten?? Oder einfach nur zu wenig Vitamin D?!?? Ha, ha.

Aber nun ist alles klar. Wir sind aufgeklärt. Wir wissen Bescheid. Sie haben uns alles gesagt. Zumindest alles, was sie wissen. Denn sie wissen nicht alles, keineswegs. Jeden Tag werden andere Fakten veröffentlicht, andere Vermutungen, andere Maßnahmen. Heute hilft dieses eine, morgen erweist sich das schon wieder als ganz falsch. Heute sagen sie uns, wir müssen dies tun, morgen etwas ganz anderes. Wer hätte das gedacht!

Am Ende wissen wir nichts. Wir können nur hoffen und beten (oder anders zuversichtlich sein, wenn wir nicht glauben wollen oder können). Mal sehen, vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm werden. Vielleicht erwischt es uns nicht so schlimm wie die anderen da drüben.

Haben wir Angst? Ja, klar. Aber wir wissen, dass das nicht nur nichts bringt, sondern alles nur noch schlimmer macht. Und wir dürfen nicht verrohen, wollen uns nicht entmenschlichen. Unsere Würde ist unantastbar. Wir tun besser daran, sie nicht aufzugeben.

Unsere Würde ist doch das, was uns niemand nehmen kann. Niemand und nichts darf das. Auch nicht so eine Pandemie. Keine Epidemie, kein blödes Virus. Und keine Krankheit.

Wir werden damit umgehen, werden es lernen. Eine Lösung? Vielleicht gibt es sie nicht. Aber: wir finden einen Weg. Wir finden Ausgleich. Wir finden Schutz. Wir finden Heilung. Heilung für uns selbst und für unsere Situation. Aber dafür brauchen wir Mut – den wir nicht verlieren. Und Würde – die wir nicht aufgeben.

Warum schreibe ich das hier überhaupt, ich wollte nichts zu Corona schreiben in meinem Blog. Aber es ist so: Die Corona-Krise erinnert mich sehr an die Krise, die ich vor ein paar Jahren mit meiner MS-Diagnose erlebt habe. Gut, es betraf in erster Linie mich. Sicher, ganz klein und mickrig im Vergleich zur Corona-Pandemie.

Aber irgendwie doch ähnlich. Ich lese den Text oben jetzt nochmal mit meiner MS im Hinterkopf, anstatt Corona. Erstaunlich, wie sehr das alles passt, stelle ich fest.

Und, was ich hier mache, seit dieser Zeit damals, das nennt man auch Coping. Lernen damit zurechtzukommen. Und weil ich dadurch, durch das Coping meiner MS also, so sehr geübt bin, scheine ich auch entspannter mit dieser Krise namens Corona umgehen zu können als viele meiner Mitmenschen.

MS? Keine Angst mehr. Ich bin dankbar. Keine Angst, dass ich vieles nicht mehr machen kann. Sondern dankbar, dass ich eben doch noch so vieles mache.

Corona? Keine Angst. Dass die Pandemie nie aufhören wird, unser Leben nie mehr so sein wird wie zuvor; ohne Friseur, ohne Reisen und immer mit Mundschutz. Keine Angst.

Sondern dankbar, dass bisher nicht ein einziger Mensch, den ich kenne, infiziert wurde und an Covid-19 erkrankt ist und auch ich es nicht bin.

Und voller Hoffnung, dass das auch alle meine Leser*innen hier so für sich sagen können.

Und am Ende sind die „Hauptzutaten“ meines Copings – meiner MS und offenbar auch unserer Corona-Krise: Mut und Würde und Dankbarkeit.

Herzlich