Jochtrümmer

Foto: Farouk – "Jochtrümmer"
Foto: Farouk – „Jochtrümmer“

„Wen würde ich damit enttäuschen…?“ – „Wenn ich mich für dieses oder jenes entscheide, wem stoße ich dann vor den Kopf…?“ „Machte ich dies nicht, würde ich den Anforderungen dann nicht gerecht?“

Ich weiß, ja ich weiß, ich drehe mich hier oft in diesem Kreis von Gedanken und Fragen um Erwartungen anderer Menschen an mich. Erwartungen, die ich mich verpflichtet fühle zu erfüllen – ob ich mich mit ihnen identifiziere oder nicht. Ob ich selbst mich für sie entscheide oder sie im Innern ablehne. Ob ich „Ja“ sage oder ein lautes „Nein“ in jeder meiner Körperzellen erschallt.

Ein sehr kluger und von mir geschätzter Mensch sagte mir in einem guten Gespräch vor ein paar Tagen – wir haben telefoniert, ganz klassisch ohne Zoom-Video-Krams – und sie…sie sagte: „Aber Herr Martini, wer ist denn (…in dieser Frage…) der wichtigste Mensch für Sie? Das sind Sie selbst!“ Und auf mein fast Reflex-artiges Widerwort hörte ich es bereits: „…nein, das ist ganz und gar nicht egozentrisch oder egoistisch, wenn Sie diese Frage so beantworten.“

Tja. Hm. Und da stehe ich wieder da. Und denke bei mir, „ja, ich weiß, ist doch klar, wie oft war er schon da, dieser Appell an mich selbst. Denk’ auch mal an dich. Steh’ dir nicht immer selbst im Weg, weil du es anderen Menschen recht machen willst. Oder, weil du sie nicht enttäuschen willst.“

Bin ich der Einzige, der sich auf diese Weise von seinem eigenen Leben handicapt? Wie ist das für Dich?

Interessant für mich ist, dass ein inneres Wissen mir sagt: „Das ist Ursprung deiner Krankheit.“ Hammer oder? Nenn’ mich einen Spinner, aber ich weiß das ganz genau. Und ich bin mir auch sicher, dass viele der großen und kleinen Krankheiten von uns Menschen auch solch einen Ursprung haben.

Wir leben zu wenig in uns selbst. Sind nicht frei. Geben uns nicht frei, erlauben uns nicht, wir selbst zu sein. Und dieses Nicht-frei-atmen, dieses Joch der unterdrückten Selbstbestimmung, dem wir uns immer wieder oder andauernd unterwerfen – das macht uns krank, davon bin ich überzeugt. Das muss nicht für jeden gelten, was ich hier schreibe; das aber weiß ich, es gilt für mich.

Darum – feiere ich heute das Selbst. Mein Selbst – und wenn Du magst auch Deins! Komm’, wir zerschmettern das Joch unserer unterdrückten Selbstbestimmung und atmen!

Vielleicht ein paar Momente nur – aber schauen wir, was morgen bringt. Vielleicht klappt es dieses Mal und wir kehren die Holzsplitter und Jochtrümmer zusammen und werfen sie endgültig fort, in den Müll. Denn da gehören sie hin.

5 Kommentare zu „Jochtrümmer

  1. Ja, ich denke, genau si ist das. Ich war schon sehr alt, als ich das erkannte und mir zugeben konnte. Und muss mit den Schäden leben, die das angerichtet hat. Viel schwerer als die Erkenntnis ist das totale Loslassen der Dinge, die dir schaden. Sie sind so fest in dir verwachsen.

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  2. Alles hat eine Ursache. Wir sind hier auf dieser Welt um zu lernen. Auch, dass irgendwann nichts mehr so sein wird wie zuvor. Vieles muss man loslassen und vergeben. Die Eltern konnten nicht aus ihrer Haut, auch nicht die vielen Scheinbar-Freunde und Lebensgefährten. Sie alle haben ihren Standpunkt und eine andere Sicht auf die Dinge.

    Ich habe meine Krankheiten erstmal so hin genommen, als ich Mitte Zwanzig war, doch jetzt gestalten sie mein Leben. Und wo sind die vielen Menschen, die mir einmal wichtig gewesen sind? Niemand ist mehr da! Mit mir kann man ja keinen Spaß haben, keinen Sport treiben etc. Man sollte viel mehr auf sich selbst hören und sich fragen, warum ist das alles so.

    Alles hat einen Sinn, auch das Loslassen. Ich habe erkannt und mein Eremitendasein angenommen.
    Da ich an den spirituellen Weg eines jeden Menschen glaube, nehme ich den körperlichen zwar hin,
    der eine gewisse Aufmerksamkeit fordert, weiß aber, dass nichts und niemand Geist und Seele töten kann.

    Die innere Stimme ist wichtig, nicht die Meinungen der anderen. Wenn ich danach gehandelt hätte, hätte ich niemals ein farbiges Kind zur Welt gebracht. Das war mein Lebenssinn, auch wenn mein Sohn jetzt auf einer anderen Ebene existiert und nicht mehr auf dieser Welt ist.

    Vergessen kann man nicht, aber vergeben und sich immer wieder fragen: Warum ist das so? Deine Krankheit fordert Dich heraus: Schau nach innen und höre auf zu fegen!

    Alles Liebe für Dich und herzliche Grüße von Gisela

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  3. Würdest du wollen, dass jemand den du liebst etwas tut nur weil er denkt er könne damit deinen Erwartungen entsprechen?

    Hast du gerade „nein“ gedacht? Deine einzige Erwartung an deine Menschen ist, dass sie glücklich sind.

    Dann sei dir gewiss, die die dich lieben haben nur eine einzige Erwartung an dich: dass du das tust was dir gut tut, was dich glücklich macht.

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  4. Die obigen interessanten Beiträge unterstütze ich voll. Trag Dir vor allem selbst Sorge, was für mich auch heisst: Hab keine Schuldgefühle und denke nicht auch noch, Du seist selbst schuld an Deiner Krankheit. Dein empfindsames Gemüt ist etwas Kostbares. Ich wünsche Dir alles Liebe auf Deinem weiteren Weg. Du schaffst das. Liebe Grüsse, Elisa

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