Lebensfreude pur

Ich hab’ neulich in alten Fotos rumgekramt, Bücherkisten und alte Foto-Ordner. Das mache ich ganz selten, sonst laufe ich Gefahr in Nostalgie und Vergangenheitsschwelgerei zu verfallen. Aber manchmal braucht man das doch auch mal! :)

Jedenfalls, dieses Foto hier habe ich auf meiner Fotoreise entdeckt. Ein Schnappschuss, eher zufällig geschossen, ich weiß auch nicht, wer dieses Foto gemacht hat.

An diesen Tag kann ich mich noch gut erinnern. Ein schönes, kleines Open-Air Konzert mit meiner alten Band, an einem Sommertag im immer mit Sonne gesegneten Freiburg, wundervoll. Der Auftritt war auch super, Stimmung war gut, dankbares Publikum. Besser geht’s ja gar nicht.

Das Foto muss entstanden sein beim Sound-check am frühen Nachmittag, die Bühne im Hintergrund, mit uns drauf am Singen und Spielen (ich, der in der Mitte).

Unser Auftritt war dann auch toll, das Publikum hat klasse mitgemacht, da war ich ja immer sehr dankbar. War ja keine Selbstverständlichkeit, das ist ja für eine kleine regionale Band, wie wir eine waren, kein Selbstläufer. Die Mehrheit der Zuschauer kommen auf’s Konzert und kennen deine Musik ja nicht. Keine Chartplatzierung, keine Radioplays, praktisch niemand hat deine CD zuhause im Regal stehen. Du bist nur du. Und du gibst alles, was du hast. Diejenigen, die vor der Bühne stehen, geben dir eine Chance. Sie sind gekommen um eine gute Zeit zu haben – und du hast die Chance, ein Teil davon zu sein.

Und das – das ist mir wirklich in guter Erinnerung geblieben – hat mir immer einen riesengroßen Spaß gemacht. Ich meine, Musik ist eh klasse. Musik machen, in einer Band singen und spielen ist immer toll. Das alles dann auf der Bühne – ein unbeschreibliches Erlebnis.

Und dann so ein Auftritt – „Lebensfreude pur“, steht da auf dem Plakat. Und das Kind springt, lacht, hat Spaß, ist mitten im Leben!

Und wie kam es für mich damals zu dieser Lebensfreude? Neben all diesen sehr spannenden Sachen, die ich eben beschrieben habe?

„Sei Du. Einfach du selbst. Ohne Maske, ohne Filter. Wir Menschen spüren das. Und dann: spring und lach’“, sagt eine Stimme in mir.

Und weiß’te was? Damals, also vor meiner MS, habe ich solche Momente nicht so bewusst empfunden oder wahrgenommen. Da habe ich nicht auf diese Stimme gehört. Heute ist das anders. Ich komm’ zwar nicht mehr auf die Bühne und eine gute Stunde da oben rumhüpfen und aus voller Brust singen könnte ich heute auch nicht mehr.

Aber all die kleinen Momente, die wir tagtäglich erleben, die so viel Lebensfreude bereiten können, die sehe ich heute viel mehr als damals. Ich brauche keinen Lampenfieber-Kick mehr, keinen Applaus für was ich tu’.

Ein leckerer Kaffee am ruhigen Morgen, der Blick auf das Grün eines Baumes, ein paar Sonnenstrahlen, die am Himmel durchblitzen – das alles ist Lebensfreude, Lebensfreude pur.

Bin ich heute zu kitschig? Kann sein, verzeiht…

Klar, ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich eine Zeit hatte mit intakter Gesundheit, ohne MS. Aber, was diese chronische Krankheit zum Vorschein bringt, all die Gedanken, Empfindungen und Veränderungen – das öffnet Glück und Dankbarkeit für mich doch auf einer ganz anderen, weitreichenden, tieferen Ebene. Und das ist – neben all dem Mist, mit dem meine MS mir im Wege steht – etwas Gutes. Gott sei Dank.

Ich wünsche mir sehr, dass ich davon etwas weitergeben kann.

8 Kommentare zu „Lebensfreude pur

  1. Lieber Farouk, Erinnerungen sind nie kitschig. Den Klang Deiner Musik wirst Du nie vergessen. Vielleicht kannst Du einen neuen Weg zu ihr finden. Deine Krankheit zwingt Dich zum Stillstand, zur Schau nach Innen und in die Vergangenheit. Entdecke Dich selbst! Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag, Gisela

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  2. Ich erlebe Ähnliches und bei mir kommt neben der Krankheit, die mich einschränkt, das Alter hinzu. Die Erinnerungen an Jugend und das Lebensglück damals sind nicht kitschig, sondern sie tragen mich durch das Leben. Manchmal frage ich mich, wohin meine Lebensfreude verschwunden ist und dann fällt mir ein, sie ist ja noch da. Sie hat sich verändert, ist vielleicht nicht mehr so überquellend, sondern eher still. Dafür aber auch tiefgehender, so wie Du es auch beschreibst.

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